Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 89 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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89 unter der Leitung Doctor R. Koldewey's sind während der letztvergangenen Monate zwei bedeutsame Entdeckungen geglückt. Zuerst wurde die Processions- Straße des Gottes Marduk gefunden, gepflastert mit quadratmetergroßen Kalksteinplatten und kleineren Platten aus rothweißer Breccia, fast sümmtlich mit einer Inschrift Nebukadnezars versehen, welche die Bestimmung dieser Pflastersteine außer Zweifel setzt. Sodann aber ist es ganz neuerdings zur Gewißheit geworden, daß das im Mai 1900 tief im Innern des Trümmerhügels Amran gefundene babylonische Gebäude kein anderes ist als das berühmte National-Heiligtnm Babyloniens, der große Marduk-Tempel Esagila. Viele Fragen betreffs der Topographie des alten Babylon werden hiedurch entschieden; die Aufzeigung des Planes dieser gigantischen Cultusstätte, schreibt der „Deutsche Reichs-Anzeiger," wie sie von den Herren Koldewey und Andrä zu erwarten ist, verspricht das höchste archäologische Interesse; und da noch der Zeitgenosse Alexanders des Großen, der Baalspriester Berossos, aus den „mit vieler Sorgfalt" bewahrten Urkunden des Archivs dieses Tempels geschöpft hat, so darf die Wissenschaft wichtige Funde mannigfacher Art zuversichtlich erhoffen, dies umsomehr, als die den Tempel bedeckende Schuttmasse nach Dr. Koldewey's Bericht dem Eindringen moderner Ziegel- und Antiquitäten-Räuber bislang in wirksamster Weise gewehrt hat. — Man berichtet: Bei der im Abgeordnetenhanse verhandelten Frage über die Derücksichtigung der Konfessionen hat der Herr Justizminister Schönstedt wiederholt mit bekannten Bismark'schen Citaten den Imponderabilien, die kein Staatsmann außer Acht lassen dürfe, operirt, die nicht ganz glücklich gewählt sind; zum mindesten ist die Berufung auf den Fürsten Bismarck verfehlt, insofern Herr Schönstedt hinter dem ersten Reichskanzler Deckung suchte für den von ihm prvklamirten Grundsatz betreffs der konfessionellen Verteilung der Aemter. Die gegensätzliche Anschauung zwischen dem Fürsten Bismarck und Herrn Schönstedt lassen folgende Aeußerungen des ersteren aus der Abgeordnetenhausrede vom 30. 1. 1872 deutlich erkennen: „Ich lehne jede Verpflichtung einer konfessionellen Volkszählung von der Regierung ab. . . . Konfessionell kann eine Regierung als solche nur dann auftreten, wenn sie eine Staatsreligion hat, wie wir sie nicht haben. ... Ich kann für die Regierung nur den Standpunkt wahren, daß man von der Regierung eines paritätischen Staates nicht verlange, sie solle konfessionell auftreten nach irgend einer Richtung hin. ... Ich huldige von Hause aus dem Grundsätze, daß die Konfession bei uns die volle Freiheit ihrer Bewegung, die volle Glaubensfreiheit haben muß. Ich habe daraus bisher noch nicht die Konsequenz gezogen, daß jede Konfession gezählt werden müsse, und daß jede eine ihrer Volkszahl ziffernmäßig entsprechende Betheiligung an der Beamtenschaft haben müsse. . . . Sobald wir den Staat in konfessionelle Stücke schneiden, an welchen jede Konfession ihren verhältnismäßigen Antheil haben muß, so kommt auch noch die ganz beträchtliche Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung in Betracht, deren Mehrheit sich ja durch besondere Befähigung und Intelligenz für Staatsgeschäfte auszeichnet." So Fürst