Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 85 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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85 empfinden gegen diejenige Gesammtheit, aus der die falsche Anklage hervorgegangen ist. Und noch aus einem anderen Grunde sind die gegen die jüdische Religion gerichteten falschen Beschuldigungen verhängnißvoll. Sie wirklich zu heurtheilen j und danach auch zu widerlegen ist natürlich nur der im Stande» der die jüdische Religion und überhaupt das Judenthum kennt. Dem Juden nun, der diese Kennt- ' - nisse besitzt, kann der Widersacher entgegenhalten: „Du bist Partei, deine Aussage; ist unglaubwürdig." — Unter den Christen aber haben leider nur sehr Wenige; auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur, Geschichte und Religion nennenswerthe Kenntnisse sich erworben. \ Diese wenigen haben daher in besonderem Maße die Pflicht, mit ihrem Urtheil nicht zurückzuhalten, sondern das ihnen Mögliche zu thun, um auf die Massen belehrend, ausklärend und damit auch beruhigend einzuwirken. Insonderheit * haben sie dann diese Pflicht, wenn sie nicht nur dem Namen nach Christen sind, vielmehr ihnen ernstlich daran liegt, daß der Name Jesu Christi überall geehrt sei -i und immer allgemeiner und immer mehr geehrt werde. Die antisemitischen Beschimpfungen der jüdischen Religion haben i solcher Ehrung Jesu des Christs in schlimmster Weise entgegengewirkt. - Es ist schier unmöglich, daß die Juden eine Religion achten, von der An- J gehörige, zum Teil sogar im Namen dieser Religion, die jüdische Religion bej schimpfen; und das kann nicht ohne Einfluß bleiben auf die Gedanken der Juden J über den Stifter der christlichen Religion. \ Das ist's, was manchen wackern christlichen Gelehrten angetrieben hat,! seine Stimme gegen Verleumdungen der jüdischen Religion zu erheben. Ich nenne j hier nur Joh. Christoph Wagenseil 1633—1705, weiland Professor in Altdorf ) bei Nürnberg, und den am 4. März 1890 verstorbene Leipziger Professor Franz s Delitzsch, weil jeder, der diese Männer und ihre Schriften auch nur einigermaßen kennt, weiß, daß W. und D. keineswegs „blinde Judenfreunde" waren, sondern nur Parteigänger ihres Herrn, des Erlösers, sein wollten. Diesen Männern habe ich mich beigesellt, weil der Blick auf die Ehre des i Herrn es mir nothwendig machte; weil die Wohlfahrt meines theuren Vater- 1 landes es gebot; weil ich nicht vermochte und nicht vermag still zu schweigen, wo; ich erkenne, daß Andern Unrecht geschieht, und endlich weil kein anderer Universitätslehrer Preußens in gleicher Weise aus selbsterworbenem Wissen über die jüdische Religion zu urtheilen vermag Freilich habe ich nicht selten den Drang in mir verspürt zu schweigen. So . oft ich es aber versuchte, mußte ich, der Geringe, nachempfinden, was der große, freilich oft verkannte Prophet Jeremia (20,9) in die Worte gekleidet hat: „Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennend Feuer, in meinen Gebeinen ringe-; schlossen, daß ich's nicht leiden konnte, und wäre schier vergangen."