Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 84 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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84 es mit dem „Todtschweigen" versuchen. Das ist unter den heutigen Verhältnissen erheblich schwerer gegenüber dem gesprochenen Wort, das fast unmittelbar, nachdem es gesprochen, durch eine große Menge von Zeitungen weithin bekannt gemacht werden kann- Trotz der großen Verbreitung, die mein Buch „Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit" gefunden hat, scheint mir jetzt doch der Augenblick gekommen, in dem zu diesem gedruckten das gesprochene Wort bestätigend hinzutreten muß. Durch mißbräuchliche Ausnutzung der im März 1899 bei Polna in Böhmen. und im März 1900 in Könitz verübten Blutthaten ist die Erregung eines großen Theils der christlichen Bevölkerung Deutschlands wie Oesterreichs gegen die jüdische Mitbevölkerung fast bis zur Siedehitze gesteigert worden. Daß durch Unfrieden im Innern des Vaterlandes Wohl geschädigt wird, bedarf für den ruhig Denkenden nicht des Beweises. Als Bürger des deutschen Reiches müssen die deutschen Christen, gleichviel welchem besonderen Bekenntnis und welcher politischen oder religiösen Richtung sie angehören, sich sagen: „Die Juden sind nun einmal in Deutschland und haben nun einmal volle Bürgerrechte und können weder dieser Rechte beraubt noch vertrieben werden; also müssen wir um der Wohlfahrt des Vaterlandes willen mit ihnen in Frieden auszukommen suchen, und die Beseitigung etwa vorhandener Uebelstände hat unter Beobachtung voller Gerechtigkeit gegenüber jedermann zu geschehen." — Und auch die Juden können solcher Rede nicht widersprechen. Hierüber brauche ich jedenfalls an dieser Stelle etwas Weiteres nicht zu bemerken, und ich würde das Wort nicht ergriffen haben, wenn ich nicht noch etwas Andres zu sagen mich verpflichtet fühlte. Der Gegensatz, der unleugbar in Deutschland zwischen weiten Kreisen der christlichen Religion Angehörigen und den Juden besteht, hat eine starke Verschärfung dadurch erfahren, daß von ersteren die jüdische Religion zum Objekt von Angriffen gemacht wird. Jeder andere Vorwurf braucht nur als ein gegen Einzelne gerichteter angesehen zu werden. Den Vorwurf z. B, die Juden seien feig, wird keiner der zahlreichen Juden, die den Krieg von 1866 oder den von 1870 mit Ehren durchgemacht haben, auf sich beziehen. Und durch den Vorwurf, die Juden seien Betrüger, wird keiner der zahlreichen wirklich als ehrenwerth sich wissenden und als ehrenwerth bekannten jüdischen Kaufleute sich getroffen fühlen. Anders steht es mit den gegen die Religion gerichteten Anschuldigungen. Diese betrachtet jeder Jude, mag er der traditionsgläubigen oder der reformerischen oder einer mittleren Richtung angehören, als einen der Gesammtheit der Juden und somit auch seiner Person angethanen Schimpf. Und nur zu stark ist die Versuchung für die Juden, daß sie, weil in ihrer Gesammtheit beleidigt, Groll