Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 83 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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83 wie die Sache sich sonst auch verhalten möge, in den Augen vieler Millionen von Menschen die Physiognomie der Wirklichkeit bis heute noch nicht eingebüßt haben. Ja, einige dieser Gesetze, resp. die Nahrungslehre, sind, wie wir gesehen, auch im Lichte der modernsten Wissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts betrachtet, nicht alles Sinnes entblößt. Es . können daher die in letzterer Zeit in verschiedenen Städten Rußlands, sogar in Moskau, wo die Juden so grausam verfolgt werden und von der religiösen Litteratur meist keine Ahnung haben, ins Leben gerufenen Besprechungen über den Talmud nur begrüßt werden, als eine gerechte Rehabilitation seiner Anrechte auf die Bekanntschaft eines jeden vorurteilsfreien, intelligenten Menschen, und sei dieselbe auch nur im Sinne des Satzes: „Prüfet alles und das Gute behaltet!" Mortrag über die anläßlich des Konitzer Mordes von neuem ausgesprochene Behauptung des Vorkommens „jüdischer Ritualmorde' .oder „jüdischer Blutmorde" am 6. Januar 1901 in Berlin gehalten von Prof. d. Theol. D. Dr. Hermann L. Strack. Sehr geehrte Herren! Dringender und wiederholt an mich gerichteter Bitte, ich möge über das am I I. März 1900 in Könitz begangene Verbrechen und die auf es folgende Erregung weiter Volkskreise einige Worte an dieser Stelle sprechen, glaubte ich mich nicht entziehen zu dürfen. Vorab die nachdrückliche Bemerkung, daß ich irgend ein Urtheil über die „Judenfrage" oder die „antisemitische Bewegung" im allgemeinen hier nicht abgeben will. Daß ich Bedenken zu überwinden hatte, will ich nicht leugnen. Ich bin nicht Mitglied des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Ich stehe auch in religiöser und in politischer Hinsicht auf andrem Boden als, wenigstens meines Wissens, die meisten seiner Mitglieder. Ich bin wegen dessen, was ich über „jüdische Ritualmorde" oder, wie man jetzt oft sagt, „jüdische Blutmorde" und über andere gegen die jüdische Religion gerichtete Beschuldigungen geschrieben habe, seit mehr als 18 Jahren Gegenstand öffentlicher und heimlicher Verleumdungen gewesen und meines Herzens Verlangen zieht mich nicht hinaus in die breite Oeffentlichkeit, sondern zu ernster wissenschaftlicher Arbeit und zu friedlichem Wirken für das Gedeihen der evangelischen Kirche- Aber wie es eine Zeit zu schweigen giebt, so auch eine Zeit zu reden (Pred. 3, 7). Freilich ist das geschriebene Wort, znmal wenn es durch den Druck Vielen zugänglich gemacht wird, auch eine Rede, und daß solches Reden wirksam sein kann, zeigt gerade die Feindschaft, die seinetwegen mir geworden ist. Aber die Wirkung des in Buchform Gedruckten kann dadurch stark beeinträchtigt werden, daß die Gegner, wenn das Verleumden als unzureichend sich erwiesen hat,