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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-04-01 · Heft 4 (1.4.1901) · p. Seite 82

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 4 (1.4.1901)
Date
1901-04-01
Page
Seite 82 (sequence 10)
Language
German
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82 daher sogleich zu einigen abstrakten Betrachtungen übergehen. Um eine kritische Schätzung der hebräischen Nahrungslehre vorzunehmen, muß man genau unterscheiden zwischen der biblischen (der mosaischen Zeit) und der spätern talmudischen Epoche. Wenn bezüglich der mosaischen Epoche das Kriterium der Nahrungslehre vom ausschließlich hygienischen Gesichtspunkte noch bestritten wird, so ist dagegen der hygienische Standpunkt in Bezug auf die talmudischen Nahrungsvorschriften allgemein anerkannt. Und in der That müssen all die Vorschriften, beispielsweise bezüglich des Viehschlachtens, des Verbotes Fleisch kranker Tiere, etc. zu gebrauchen ausschließlich vom hygienischen Standpunkte betrachtet werden. Ich bin der erste, der von diesem Gesichtspunkte ausgehend, auch die diätetischen Verordnungen der Talmudisten zu erörtern versucht hat. Freilich haben die Gesetzeslehrer jener Zeit keineswegs die neuesten Errungenschaften der Verdauungsphysiologie, auf welche ich mich berufen habe, zur Richtschnur ihrer Verordnungen gemacht, ebenso, wie sie nicht die Versuche. des Herrn Dr. Dembo vorausgesehen haben konnten, als sie ihr Verfahren beim Viehschlachten vorschrieben. Wir stoßen aber hier auf eine der unzähligen Erscheinungen der Beobachtungsgabe und des Instinktes der Volksmassen, denen es zn verdanken ist, daß der Volksgenius auf tausende Jahre den wissenschaftlich begründeten Folgerungen vorauseilen konnte. Das naturwissenschaftliche Gebiet ist an dergleichen Beispielen reich. So wurde auf einem meteorologischen Kongresse im Jahre 1899 auf die großen Dienste hingewiesen, welche die Volkskennzeichen der wissenschaftlichen Meteorologie erwiesen haben. Im Bezug auf die Medizin bin ich imstande zu bezeugen, daß eine Menge Thatsachen vorhanden sind, wo die Wissenschaft ihre Sanktion solchen Anweisungen verliehen hat, welche in der Volksmedizin schon seit langer Zeit Anwendung gefunden haben. Ich will eben zu dieser Kategorie der Verordnungen des Volksinstinktes auch die talmudischen Vorschriften bezüglich der Milch- und Fleischnahrung hinzurechnen. Meine Herren! Indem ich die talmudischen Vorschriften kritisch beleuchte und analysire, habe ich nicht im entferntesten das Ziel einer religiösen Propaganda vor Augen und lasse mich nicht dabei von ortodoxen Gesinnungen hinreißen Ich stehe vielmehr bezüglich des Talmuds auf dem Standpunkte eines leidenschaftslosen unvoreingenommenen Denkers. Es herrscht bei uns eine vorgefaßte Meinung über den Talmud. Abgesehen von unfern Feinden, die in dem Talmud ein verderbliches Werk sehen, welches fast den Ritualmord verschreibt, behandeln auch wir, die Freunde des Judentums, den Talmud nicht besser und sehen auf ihn verachtungsvoll hinab, als auf ein pharisäisches Werk, voller Kniffe und unsinniger Gesetze — mit einem Worte, als auf ein Werk, welches Meinungen und Vorschriften enthält, die der modernen Zivilisation fremd sind. Wir sind gewöhnt die griechischen und römischen Altertümer, die doch gewiß einer Epoche angehören, welche unserer Aera fremd ist, liebevoller und mit mehr Nachsicht zu behandeln, als unsere eigenen, talmudischen Altertümer, welche,

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