Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ich will nun auf den Kern der Sache eingehen und die alten Traditionen der hebräischen Gesetzeslehrer bezüglich der Fleisch- und Milchnahrung vom Gesichtspunkte der modernsten Wissenschaft vor Ihnen zu beleuchten versuchen. Die Talniudisten unterschieden zwischen Fleisch- und Milchspeisen: unter den ersten verstanden sie alle genießbaren Teile der Tiere und Vögel, unter den letztcrn — Milch und all die ihr entnommenen Produkte — Butter, Schmant und Käse. Nach einer Milchspeise ist es gestattet, wenn man den Mund ausgespült hat. ein Fleischmahl einzunehmen. Hat man aber Fleisch genossen, darf man erst nach sechs Stunden Milch zu sich nehmen. Es giebt noch eine andere Vorschrift, — die wohl nicht obligatorischen, sondern eher fakultativen Charakters ist, — wonach verordnet wird, daß zwei Personen nicht zu gleicher Zeit an einem Tische essen dürfen, wenn die eine Milch zu sich nimmt, während die andere Fleisch ißt. Diese Verordnungen, besonders die zuletzt angeführte, schienen selbst den ernsten Denkern unbegreiflich, ja sogar lächerlich (siehe Schulchau-Aruch von Pereferkowitsch), und doch beruhen sie auf einer streng ivissenschaftlichen Basis^ Damit wir uns die Sache klar machen, bitte ich Sie, mir auf meine Exkussion ins Gebiet der Verdauungs-Physiologie, woher ich die im Bezug auf mein Thema nötigen wichtigsten Thatsachen mir zu holen gedenke, gütigst folgen zu wollen. Die Absonderung des für den Verdauungsprozeß so sehr unentbehrlichen Magensaftes ist nicht das Resultat eines durch die Nahrung hervorgerufenen mechanischen Reizes, sondern sie ist eine spezifische Reaktion der Magendrüsen, als ob sie, mit Verstand ausgestattet, im stände wären die chemischen Eigenschaften der verschiedenen Speisearten scharf aufzufassen Führen wir dem Magen Eiweiß (Fleisch), Kohlenhydrat (Brod), oder Fett (Butter) zu, so wird in ihm eine, jeder dieser Speisearten entsprechende Sastabsonderung von verschiedener Qualität und Quantität hervorgerufen. Daraus läßt sich logisch folgern, und faktisch ist es schon thatsächlich bestätigt worden, — daß die Aufeinanderfolge der Einführung in den Magen dieser oder einer andern Speise für den Gang der Magenthätigkeit nicht einerlei ist, da die Kombinationen der Kurven der Saftabsonderuug in jedem besondern Falle sich verschiedenartig gestalten. Wollen wir zur Demonstration des Gesagten folgendes reelles Beispiel in Betracht nehmen. Jemand, wollen wir sagen, trinkt nach einem Fleischmahle Milch oder ißt ein Butterbrot»; wie gestaltet sich dann eigentlich die Magenthätigkeit? Für die Verdauung des Fleisches (Eiweißes) ist, im Verhältnisse zu andern Speisearten, ein größeres Saftquantum mit mehr Fermentgehalte erforderlich. Fett jedoch (Butter, Milch) wirkt äußerst hemmend auf die Saftabjonderung. wie bezüglich des Quantums, so auch im Bezug auf den Fermentgehalt. Es ist daher begreiflich, warum der Milchgeuuß nach Fleisch nicht günstig einwirkt auf den Gang der Magenverdauung. Interessant ist dabei folgende Thatsache. Biele angestellte Versuche haben