Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 77 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969906-2969910--6255-2975614- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' f www.iii,|,iipimi|i»p — 77 — schaurige Wüste, in ein Land, in dem keine Saat Dir erblühen konnte, nicht scheutest, wenn es galt, Deinem Gotte Treue zu halten und den Bund der Wahrheit und , der Gotteserkenntnis zu hüten und zu schirmen. Es wäre nicht möglich, daß Israel ' in den Zeiten, in denen es im Vollgenusse des Rechtes und der Freiheit sich befindet, j zugleich auch seinem Gotte mit ganzem Herzen angehöre, seine Geistesherrlichkeit in ungetrübtem Glanze bewahre? Es iväre nicht denkbar, daß der Schatz seiner .; Weisheit, das kostbare Kleinod seiner Lehre, daß die Güter der ewigen Wahrheit und der erhabensten Erkenntnis noch irgend Wert in seinen Augen hätten, , j wenn es die Reichtümer der Erde besitzt, wenn es inmitten der Menschheit Macht ' und Ansehen erlangt hat? Es müßte das wirklich so sein, daß der Weinberg des Herrn unter der Sonne der Freiheit nur Herlinge zeitigt, und die Blüte des Judentums verdorrt und hinwelkt, anstatt daß da die edelste Frucht aus ihr erreifen sollte? Fraget Euer Pesachfest und es wird Euch eines Besseren belehren, schaut auf die Jugendzeit Israel zurück, und Ihr werdet es erkennen, daß das - sittliche Freiheitsbewußtsein in edler Geistesgröße die rechte Begründung, in seeleni voller Gottinnigkeit die weihende Vollendung gefunden hat. , Darin liegt die hohe Lehre und der bedeutungsvolle Sinn dieses unseres | Freiheitsfestes, daß es diese denkwürdige Jugend Israel ihm als ein leuchtendes | Vorbild vor Augen stellt und so zu stets erneuten geistigen Selbstverjüngung es j gemahnen, die Kräfte des höheren Lebens und Strebens in seiner Mitte erwecken? und stärken will. In jedem Zeitalter sollen wir mit der Feier dieses Festes jene i weise Selbstbetrachtung verbinden, die uns die eigene Pflicht und Aufgabe erkennen ' j läßt, sollen wir im Geiste jenen Erlösten Israels uns zugesellen, die als eine Gemeinde des Herrn, als eine Schaar edler gottbegeisterter Bekenner der ewigen \ Wahrheit aus Ägypten ausgezogen und auch in uns das Werk der Erlösung vollführen, j von den finsteren Gewalten des Frevels und der Lüge, die die Seele knechten und den; Geist entwürdigen. Auch aus unserem Mizraim müssen wir herausziehen, müssen das Judentuni frei machen von dem Drucke seiner eigenen Tyrannen, die wahrlich schwer genug auf ihm lasten, müssen unser Geistesleben aus der jäinmerlichen Gesunkenheit, in die es immer verfällt zu erheben suchen, und uns beseelen mit den» Geiste der Wahrheit und des Lichtes, mit jener echten Tugend und edlen Gottinnigkeit, die die innere Lebenskraft ist und seine Ehre in den Augen der Völker. Ist es denn nicht auch die höchste Zeit, daß Israel aus dieser trostlosen Verfallenheit, in die es immer tiefer hineingerät, sich einporrafst und der traurigen Verödung, die auf den Gefilden seines Religionslebens eingerissen ist, mit kräftiger Hand begegnet und Einhalt thut? oder soll die Verwüstung noch weiter schreiten/ daß auf diesem heiligen Boden, der von gemeinem Schlinggewächs, von häßlichen Schmarotzerpflanzen, von wucherndem Unkraut schon so bedeckt ist, daß jeder Ernstdenkende mit wehmütigem Mißbehage» den Blick von ihm wegwenden muß, auch noch die letzten Sprossen uud Triebe edleren Wachstum verschwinden müssen? An