Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1901)
- Date
- 1901-04-01
- Page
- Seite 75 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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75 ist immer noch kein Gedeihen auf dem Weinberge Israels vorhanden, die müssen noch immer der Verkümmerung anheimfallen und wenn ja irgendwo ein Trieb und Anfang zu besserer Denkweise sich entwickelt hat, da ist er allmählich mit seiner Umgebung verwachsen oder zu einem dürren Zweige geworden, in dem kein Frühling mehr neues Leben zu wecken vermag. Man braucht kein Prophet zu sein, um die Folgen solch' trauriger Zustände, solch' trostlosen Verfalles vorauszusehen: wer nicht mit geschlossenen Augen umherwandelt, sich nur einigermaßen von der Verblendung und Selbsttäuschung frei zu machen weiß, in die Israel sich so gerne hineinlebt, der wird bald aus eigener Einsicht es erkennen, daß solcher Verfall des Geisteslebens, solche Erstorbenheit des Gottessinnes für die Zukunft in höchstem Maße verhängnisvoll werden muß. Wenn in Israel mit dem Wachstum der irdischen Macht, mit der Ausbreitung und Vermehrung des irdischen Besitzes und Segens solche Abnahme und Verkümmerung seiner himmlischen Seelenschätze, ein solches Hinwelken und Verkümmern seiner geistigen Blüte sich einftellt, und die Freiheit, die seinen inneren Aufschwung anbahnen soll, ihm ein Weg zur Gottlosigkeit wird und den Verfall und Untergang jeder ernsten Gesinnung, jeder höheren, über das Irdische hinausreichenden Denkweise herbeiführt, wenn man die Lehre der ewigen Wahrheit in den Staub herabzieht und seine Religion wie eine Krämerware behandelt, bei der das Angebot nach der Nachfrage sich bemißt, dann muß das jüdische Geistesleben allmählich dahinsiechen und ein trauriger Verfall des Geisteslebens sich überall bemerkbar machen. Muß es denn aber wirklich mit Israel dahin kommen, daß es schließlich jenem Weinberge gleichen wird, den das Gewild des Feldes verheert, den die Tiere des Waldes zertreten? Muß denn die Macht und Freiheit, die Israel erlangt, notwendiger Weise die Zersetzung und Auflösung seines Geisteslebens und in weiterer Reihe die Wiederkehr jener traurigen Erniedrigung zur Folge haben, die in früheren Zeiten so schwer auf uns gelastet hat? Sollte denn das wirklich ein geschichtliches Gesetz, eine unumstößliche Wahrheit ist, daß Israel nur die Rose Amakims ist, die Pflanze, die nur in den Thälern der Trübnis gedeiht, die Blume, die nur in der Finsternis der Leidensnacht ihre Kelche öffnet, aber nicht die Lilie Sarons, die auf den Frühlingsauen der Freiheit blüht und ihre Knospen ausschlägt, wenn der goldene Sonnenstrahl sie erwärnit? Nun denm das Freiheitsfest, das wir feiern und mit seinen Erinnerungen durch unsere ganze Vergangenheit bis in den Urspning unseres geschichtlichen Daseins, bis in die Anfänge der Lebensentfaltung Israels uns zurückleitet, beantwortet uns diese Fragen und ist eben deshalb für uns so bedeutungsvoll, weil es uns nicht etwa nur davon erzählt, daß Israel einst nach schiverem Drucke, die ihm gebührende Freiheit erlangt hat, sondern uns auch lehrt, wie wir von dieser Freiheit den rechten Gebrauch machen, daß sie uns und der Menschheit, für die Israel so Großes zu wirken berufen ist, zum Segen und zur Ehre gereiche. Als Israel aus Ägypten auszog, das Haus Jehudas nicht mehr unter fremden Drucke seufzte, da ivurde Jehuda ein heiliges