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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1901-04-01 · Heft 4 (1.4.1901) · p. Seite 74

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
21 (1901)
Issue
Heft 4 (1.4.1901)
Date
1901-04-01
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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der Herr oder der Weinberg? Entscheidet ob sein Besitzer, der ihn mit solcher Sorgfalt gehütet, auf seine Pflege so viel Fleiß verwendet, auch wirklich darauf hoffen durfte, daß die Frucht nicht ausbleiben, daß es an einem Ertrage der Arbeit nicht fehlen werde, oder ob das eine müßige, thörichte, unberechtigte Erwartung war, der er da in seinem Herzen Raum gegeben hat. Von Verwahrlosung, Vernachlässigung, der ein solcher Mißwachs, wie er sich da eingestellt, wohl zugeschrieben werden könnte, kann doch wahrlich hier nicht die Rede sein. Es ist, wie ja jeder zugeben muß, hier nichts versäumt, nichts vergessen, nichts außer Acht gelassen worden, was nur irgendwie zur rechten Pflege und Wartung eines solchen Grundstücks gehört. Wenn nicht, so sagt mir, was wäre noch mit meinem Weinberge zu thun gewesen, das ich nicht schon bisher an ihm gethan hätte. Warum sehe ich mich für meine Arbeit so schlecht belohnt, in meiner gerechten Erwartung so arg enttäuscht, was fange ich mit dem Weinberge an, der statt süßer Trauben nur faule Früchte trägt, ungenießbare Herlinge zeitigt? Nun, Ihr schweigt, ruft der Prophet Israel zu, haltet mit Euerem Urteile zurück, Ihr wißt mir ja weder Rat noch Hilfe. Jetzt will ich es aber Euch sagen, was ich mit einem solchen Weinberge thun würde, seine Einhegung entfernen, damit die Tiere des Feldes ihn abweiden, seine Einzäunung niederreißen, damit das Wild des Waldes ihn zertrete, in eine Wüste würde ich ihn verwandeln, in der kein Winzer seine Lese, kein Schnitter seine Ernte hält, Nesseln und Dornen ließe ich auf ihm wachsen und den Wolken würde ich befehlen, daß sie ihn nie mit ihren Regenströmen tränken. Wo liegt, fragten jetzt alle, der Weinberg, der trotz seines ergiebigen Erdreichs und trotz der fleißigsten Wartung einen solchen Mißertrag ergiebt und wer ist sein Herr, dem nach solchen Erfahrungen in der That nichts anderes übrig bliebe, als diesen Boden nicht weiter zu bestellen und ihn der Verwüstung und der Verwilderung preiszugeben? Es will scheinen, daß nur im Lande der Märchen, im Reiche der Dichtung solche Weinberße liegen, wir haben mit unseren Augen einen solchen noch nie gesehen. Nun denn, fiel ihnen der Prophet ins Wort, dann will ich Euch sogleich einen zeigen, und das Wort meines Liedes in die Sprache der Wirklichkeit übersetzen. Der Weinberg meines Freundes, von dem ich gesprochen, ist das Haus Israel, die Gemeinde Juda's ist die Lieblingspflanzung, die er groß gezogen, und er hoffte, daß da die Frucht der Rechtschaffenheit, der wahren Menschentugend, der inneren Erhebung nicht ausbleiben, daß da edle Gesinnungen reifen, höhere Bestrebungen zur heilsamen Entfaltung gelangen, daß die Saat der Gotteserkenntnis, die auf den Gefilden Israels so reichlich ausgestreut >vurde, da einen empfänglichen und ergiebigen Boden finden, und ein gedeihliches Wachstum höheren Geisteslebens da erstehen werde — und siehe statt der Trauben kamen Herlingen, statt der Gerechtigkeit, Schlechtigkeit, statt Wohlthat, Wehethat. Das Lied aus alten Zeiten ist noch lange nicht verklungen, es kann uns als ein Lebeusgemälde des jetzigen Israel gelten. Weisheit, Seelengröße, Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit, Gottessinn, für ^die

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