Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 260 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Pharisäern und zelotischen sogenannten Schriftgelehrten absehen und uns nur an die Elite der Wiener Bevölkerung, an die Geistesaristokratie, an die Männer von Intelligenz und höherem idealem Interesse wenden wollen, namentlich an die hervorragenden Mitglieder der neuen Curie im Kultusvorstande, sie mögen mit Ernst und Entschiedenheit der wichtigen Frage endlich nähertreten, ob nicht gerade im Interesse der Konservierung und Regenerierung des Judentums wenigstens ein Tempel in der großen Residenz errichtet werde, welcher der wahrhaft fortschrittlichen Richtung entspricht und die Mesias-Jdee in einem welterlösenden Gedanken zu finden glaubt, nicht in der bloßen Persönlichkeit, wie es die allzulebhafte Phantasie der Alten sich zu gestalten und vorzustellen beliebte. Man wende uns nicht ein, es liege ja Nichts an einem unschuldigen Gebete, zumal so liebliche traditionelle Melodien gar oft damit verknüpft sind — nein, und tausendmal nein! Das Judentum ist nicht auf schöne Gesänge und sinnliche Eindrücke basiert und gerade in unserer vom Zionismus angehauchten Gegenwart muß die Jugend mit mehr Eifer die hebräische Sprache pflegen und kommt so allmählig zur Einsicht und Erkenntnis, daß unsere Religionsgebräuche einer Reform in mancher Richtung gar sehr bedürftig sind. Auch der Standpunkt eines angesehenen konservativen Kanzelredners in den Jahren der Wiener Reformbewegung, deren Resultate gegenwärtig fast allmälig ganz verwischt und verwässert werden, ist durchaus nicht stichhaltig vor dem Forum der Logik und Vernunft. Denn wenn andere Konfessionen Institutionen oder Zeremonien beibehalten, die unserem Geschmacke nicht entsprechen, so folgt daraus noch nicht, daß wir ebenfalls „das Bessere erkennen und gleichwohl verwerfen", vielmehr sollen und wollen wir aus Rücksichten der Ethik und Versöhnung der Gegensätze der Wahrheit die Ehre geben, um so in der Kultur allen anderen Nationen voranzuschreiten mit der belehrenden, beleuchtenden und belebenden Fackel der „Wahrheit"! „Die Wahrheit und den Frieden sollt ihr lieben" in Gotteshaus, Schule und Familienleben, wie auch im sozialen Verkehr. — Im Stadtverordneten- Kollegium in Prag lag das Ansuchen der israel. Beerdigungs-Bruderschaft vor, es möge der altjüdische Friedhof möglichst in seinem Ganzen erhalten bleiben. Ein Teil desselben soll nämlich der neuen Regulierung der Stadt zum Opfer fallen, und zwar in einem Ausmaße von 2000 Quadratmetern, was ein Fünftel des ganzen Friedhofes bedeutet. Der Stadtrat hatte das Gesuch der Bruderschaft abgelehnt, und diese hatte sich bereit erklärt, alle Kosten der Abänderung des Regulierungsplanes zu tragen und zu diesem Zwecke den Betrag von 60000 X. angewiesen. Da auch dieser Vorschlag abgewiesen worden, wendete sich nun die Beerdigungs-Bruderschaft mit einem neuerlichen Gesuche an das Stadtverordneten-Kollegium, welches jedoch das Gesuch mit allen gegen sieben Stimmen ablehnte. Gerade vor 8b Jahren hat anläßlich eines Projektes zur Auflassung des altjüdischen Friedhofes der Erzbischof von Prag, Ritter v. Chlumezunsky, seinen ganzen Einfluß für dessen Erhaltung eingesetzt und der Erzbischof fand damals in dem Oberst-Burggrafen und nachmaligen