Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 256 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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- 256 - zu dienen. Die königlichen Beamten nützten ihre Stellung voll und ganz aus. Selbst die Besitzlosen wurden zu Abgaben herangezogen. Wer seine Schulden nicht bezahlen konnte, wurde mit brutaler Schonungslosigkeit gepfändet, so daß Amos schildern kann, wie die Mächtigen bei ihren prunkvollen Mahlen auf Kissen liegen, die eben gepfändet wurden und Wein trinken, der als Buße bezahlt wurde. Hand in Hand mit der sich regenden Übermacht ging die Vergewaltigung des Rechts. Die Reichen, hatten die Rechtssprechung in ihrer Hand und nutzten sie völlig in ihrem Sinne. Wehklagend ruft Jesaja aus: „Ist es doch eitel Lüge, was die Rechtsgelehrten sagen." Und Amos sagt: „Sie verkaufen für Geld den Rechtschaffenen und den Dürftigen um ein Paar Schuhe, sie gieren nach Erdkrümchen auf den Köpfen der Geringen und beugen das Recht der Notleidenden." So bleibt Jesaja keine Hoffnung auf Änderung. „Wehe denen, die Satzungen des Unrechts aufsetzen und immer drückende Vorschriften schreiben, um das Recht zu rauben den Elenden meines Volkes". Wir sehen aus dem Eintreten der Propheten für die Unterdrückten, daß man doch die Mißwirtschaft des Kapitals nicht so 'ganz ruhig hinnahm. Das Gewissen der Nation, das die Propheten verkörperten, ihre sittliche Kraft, die in ihnen ihren Höhepunkt erreichte, waren rege geworden. Sie bäumten sich auf gegen Zustände, die dem Gesetz und der Gotteslehre ins Gesicht schlugen. Es war nur natürlich, daß man in den Forderungen, die man stellte, sich anschloß an die alte Gesetzgebung in Israel, an das Bundesbuch im zweiten Buch Moses. Folgende Bestimmungen desselben kamen in Betracht: 1) Es sollte niemand von seinem Volksgenossen Zinsen nehmen dürfen; 2) Der Gläubiger sollte dem Schuldner das gepfändete Gewand vor Einbruch der Nacht zurückgeben, weil der Arme es während der Nacht brauche; 3) Der Schuldner, der sich in Schuldknechtschaft begiebt, sollte im siebenten Jahre frei sein; 4) Acker, Wein- und Ölberge sollten zu Gunsten der Armen brach liegen, die essen sollten, was das Land von selbst trägt. Schließlich gab es noch Bestimmungen über die Haltung von Sklaven, die, wie ich gleich jetzt bemerken möchte, unendlich besser behandelt wurden, wie im alten Rom und Athen. Der humane Sinn der Juden, der sie stets an ihre eigene Knechtschaft in Ägypten erinnerte, forderte dies. Die Forderungen des Bundesbuches wurden von Neuem mit ueuer Kraft erhoben, aber sie verhallten ungehört gegenüber den tonangebenden Kreisen, die die Kluft zwischen sich und den Besitzlosen nur vergrößerten. Aber der Gedanke der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit, die von den Propheten als Unrecht gegen Gott ausgelegt wurde, ließ sich nicht töten. Die Saat die sie ausgestreut hatten, konnte nicht untergehen. Wir haben auch in Rom und Athen soziale Kämpfe derselben Natur, wie in Israel, aber was sie so gewaltig von einander unterscheidet, das ist das Fehlen oder mindestens das Zurücktreten des sittlichen Gedankens, das Israel jenes eigenartige Gepräge giebt. Den Propheten schwebte als Ideal vor die alte einfache