Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 255 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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uns in der Gegenwart aufs mächtigste. Sehen wir doch mit eigenen Augen den Verzweiflungskampf, den der kleine Bauer gegen den Großgrundbesitz führt. Mit der Ausbreitung des Handels beginnt der soziale Kampf der Klassen in Israel, zwar nicht mit blutigen Schlachten, aber doch im heißen Ringen der Geister und Herzen. Es setzt ein der Kampf zwischen Kapital und Arbeit, zwischen der beweglichen Habe und dem um seine Selbstständigkeit ringenden Kleinbesitz. Den besten Einblick in diese Zustände gewähren uns die Propheten, die als klassische Zeugen den Dingen gegenüberstanden. Aber sie waren mehr noch als Zeugen, sie wurden, und sie mußten es werden, die geistigen Führer der Unterdrückten. Phropheten, ich meine damit jene Gottesmänner, deren Genie uns die hehrsten Offenbarungen sittlicher Kraft schenkte, denen wir die schönste» Ergüsse tief religiösen Gemütes zu danken haben. Aber sie waren auch Kämpfer, die mit flammender Beredsamkeit für Recht und Wahrheit eintraten. Mit scharfem Blick für die Bedürfnisse des Tages begabt, Idealisten und Realisten zugleich, Männer, die aus der Zeit für die Zeit, aus der Vergangenheit für die Zukunft lernten, so erschiene» sie am meisten dazu befähigt, an die Spitze der Elenden des Volkes zu treten und jener Entwicklung entgegenzuarbeiten, die, wie sie glaubten, zum Untergang führen mußte. „Israel, Gottes Volk, ist zum Kanaan, zum Krämervolk geworden, das da spricht : Bin ich doch reich geworden, habe Wohlstand erlangt, alle ineine Erwerbungen werden mir zu keiner Verschuldung gereichen, die Verbrechen wären" sagt Hosea. Und Jesaja ruft wehklagend aus über die Geldwirtschaft, die in Israel eingerisien war: „Und voll ward das Land von Silber und Gold und kein Ende seiner Schätze". Amos, der Hirt von Thekoa, muß seine gewaltige Stimme erheben, um loszuwettern gegen' die fetten Basankühe der Reichen, die den Herden der Armen die Nahrung fortnehmen. Mit scharfem Blick sieht Jesaja, daß der Untergang des freien Bauern herbeigeführt wird durch die Latifundienwirtschaft und drohend ruft er aus: „Wehe denen, die Haus an Haus reihen, Feld zu Feld schlagen, bis kein Raum mehr ist und ihr allein wohnen bleibet inmitten des Landes." Grell kontrastierte die Armut des Besitzlosen gegen den Prunk und die Üppigkeit der reichen Klassen, für die die Propheten nicht Worte genug der Verdammung finden. In einzigartigen von glänzender Beobachtungsgabe zeugenden Schilderungen geben sie uns ein Bild von dem Leben der oberen Zehntausend in Israel. Während man sich früher mit einfachen Hütten begnügt hatte, sieht man jetzt Paläste aus Quadersteinen, kostbare Divans verdrängten die alten einfachen Ruhebetten. Den besonderen Unwillen der Propheten scheinen die Frauen erregt zu haben. In auf hervorragende Sachkenntnis deutender Weise schildern sie die außerordentlich komplizierte Kleidung unserer Ahnfrauen. Jedenfalls werden kaum die Modedamen der Neuzeit mehr Toilettengeheimniffe zu wahren haben, als die reichen Banquiersfrauen in Israel. Solche Verschwendungen, wie ich sie eben andeutete, verschlangen natürlich große Summen, und so mußten die verwerflichsten Mittel herhalten, um den Neigungen der Reichen