Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 253 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969906-2969917--6438-2975596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
253 lichkeit drücken ihm ihren Stempel auf. So kommt es oft, daß, will man den geschichtlichen Kern finden, man ihn loslösen muß von der Schale, die religiöses Denken und Fühlen um ihn gebildet haben, daß, wenn man die Reden der Propheten und ihre poetischen Ergüsse als geschichtliche Dokumente verstehen will, sie entkleiden muß, der religiösen Begeisterung und des dichterischen Schwunges, der sie durchzieht. Von diesen Gesichtspunkten habe ich mich in vorliegender Studie leiten lassen und möchte meine Leser bitten, mit mir zu betrachten, in welcher Gesellschaftsordnung unsere Vorfahren lebten, wie sich diese im Lause der Zeiten änderte, und was für Anstrengungen von den verschiedensten Seiten gemacht wurden, um das frühere Gleichgewicht wieder herzustellen. Wenden wir uns zunächst dem Lande Palästina zu, in das die Israeliten unter Josua einzogen, denn eine derartige Kenntnis ist notwendig, weil sie uns ein Bild von denBedingungen giebt, welche dieses Land den Einwandernden darbot. Das von Israel bewohnte Land birgt in sich die schärfsten Gegensätze. Neben Gegenden, wo die tropische Natur in verschwenderischer Fülle ihre köstlichen Gaben ausstreut, trifft inan auf furchtbar öde Strecken, ,die trotz heißester Mühe nur spärlichen Ertrag geben. Ein Land, das von Milch und Honig überfließt, wie es in unserer Phantasie erscheint, kann es jedenfalls nicht genannt werden. Und eS bedurfte der ganzen Kraft und des emsigen Fleißes unserer Vorfahren, um hier im Schweiße ihres Angesichtes ihr Brot essen zu können. Einzelne Andeutungen, wie die stets wiederkehrende Bitte um Regen zeigen zur Genüge, wie hart sich hier der Kampf mit der Natur gestaltete. Es war gewiß ein heiß erstrebtes Ideal, das nun, wenn des Sabbats oder eines anderen Feiertages heilige Ruhe einzog in Israel, sich verwirklichte, daß jeder Israelit unter seinen Weinstöcken und Feigenbäumen saß. Ehe die Israeliten in das Land Kanaan einzogen, lebten sie als Hirtenvolk in der Wüste. Wie wir noch heute ausdem Stammesleben der Beduinen erfahren können, ist das herrschende Prinzip bei Nomadenvölkern, zu denen auch Israel bis zu seiner Einwanderung gehörte, die völlige Gleichstellung aller Genossen. Der Reichtum des Einzelnen kann wegen der fortwährenden Unsicherheit keine große Rolle spielen. Dies ist ein Moment, das für Israels ganzes soziales Leben von größter Bedeutung ist. Die Ebenbürtigkeit aller Stammesgenossen zeitigte es, daß das Land Palästina den einzelnen Stämmen durchs Los zugeteilt wurde, die wieder» um an ihre Mitglieder das Land zu gleichen Teilen zur Bewirtschaftung übergaben. Wie finden also in der Urzeit vollständigen Gemeinbesitz, Kommunismus in der reinsten Form, in dem Sondereigentum noch nicht existiert, wenn es auch langsam zur Entstehung kommt. Die Viehzucht, die bisher die Hauptnahrungsquelle der Israeliten gebildet hatte, machte nun dem Ackerbau Platz, der bis auf weiteres ihre Beschäftigung blieb. Der Fleiß her Bevölkerung bewirkte Wunderdinge; auf den Bergen reiften die dunklen Trauben, während unten im Thal der Ähren goldene Reihen fluteten- Wir hören sonst noch von Schmieden, Webern, Töpfern und Zimmerern. Jeder Stamm stellt gewissermaßen ein Volk für sich dar, und es ist