Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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bigen, so auch die Idee eines himmlischen Fortlebens der gerecht Befundenen. Und mit dem Hauptinhalt ging auch der wesentlichste Charakterzug der äußeren Form von der alten auf die neue Religion über. Weder Griechen, noch Römer, noch Germanen haben aus ihrem Glauben eine Literatur gemacht, wie die Juden, deren gesammte geistige Thätigkeit sich von je auf diesen einen Punkt konzentriert hatte. Und wenn das Schwergewicht von Jesus' Lehre auf seinem Sittengebot ruhte, so war doch auch dessen innerster Kern jüdischen Ursprungs: kein Europäer- Volk hat den ethischen Kern seiner Religion so klar und deutlich herausgeschält wie die Juden, und keines anderen Volkes Sittenlehre war so ganz auf dem Grundsatz der Nächstenliebe aufgebaut wie diese. Unzweifelhaft hat Jesus eben in diesem Stücke am meisten gesteigert und aufgehöht, was er vorfand. Aber wie viel ist nicht damit schon gesagt, daß dieser Verkünder aller Selbstentäußerung und Hilfsbereitschaft eine Sittenlehre vorfand, die er nur zu potenzieren brauchte, um aus ihr seine „frohe" Botschaft zu gewinnen. Doch freilich, und dies wurde das tragische Verhängnis im Leben des jüdischen Volkes wie in dem seines größten Sohnes, so rein und unbedingt diese kleine Nation auch alle ihre geistige Thätigkeit dem Glauben gewidmet hatte, sie hatte doch auch ihrer politischen Ideale nicht ganz vergessen. Fast ein halbes Jahrtausend war verflossen, seit die Juden ihre staatliche Selbstständigkeit verloren hatten, aber noch hielten sie fest an der Hoffnung, sie wieder zu gewinnen. Ja, das kleine Zwergvolk, das sich unter dem harten Eroberertritt aller der großen Dynastien und Nationen, die über sein Land dahingeschritten waren, wehrlos gekrümmt hatte, war zu dem fast wahnsinnig ehrgeizigen Gedanken einer künftigen Weltherrschaft vorgedrungen. Und wie es bei diesem Volke eines gänzlich religiösen Innenlebens nicht anders sein konnte, aus diesem politischen Gedanken wurden religiöse Vorstellungen: der König-Befreier, der Israel nicht nur von der Knechtschaft erlösen, sondern zum Herrn über alle Nationen der Erde erheben sollte, wurde ihnen zum Messias, zum Weltrichter. Und so leise und langsam sich auch Jesus von der Überlieferung seines Volkes losgelöst hat, hier war der Punkt, wo es nicht nur zur Trennung, sondern zum entscheidensten Gegensatz kam. Jesus hat alle übrigen Teile der spätjüdischen Überlieferung mit sanfter Hand umgemodelt oder gar beibehalten, die politische Mission aber, die ihm der neue, schon ganz fest gewordene Volksglaube zuwies, hat er mit aller Entschiedenheit abgelehnt. Wohl hat er sich den Namen Messias gefallen lassen, aber was er unter diesem Amt verstand, das war in Wahrheit nicht von dieser Welt. Jesus wollte von der Religion der Väter alle die politischen, zuletzt auch alle die nationalen Zuthaten loslösen, die ihm als Schlacken in dem lauteren Gold des Glaubens erschienen. Sucht man den Konflikt über die Personen fort in die Sphäre der großen historischen Gegensätze zu heben, so hatten sich damals der religiöse und der politische