Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1901)
- Date
- 1901-11-01
- Page
- Seite 245 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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245 vative und eine fortschrittliche, welche zur Bildung zweier Parteien führte, der Orthodoxen und der Reformpartei. In solcher Gestalt kam das Judentum nach Amerika, wo das Gefühl für religiöse Freiheit und Toleranz die Grenzlinien zwischen beiden Sekten zur schärferen Deutlichkeit entwickeln konnte. Orthodoxie und Reformpartei haben vor Jahren erfolglos um die Oberherrschaft gerungen, uin schließlich die Überzeugung zu gewinnen, daß sie nebeneinander leben müssen, wirkend nicht im feindlichen Wettbewerbe, sondern im gemeinsamen Streben für die künftige Entwicklung des Judentums. Keines von beiden verkörpert allein das Judentum. Keines von beiden ist unabhängig vom andern. Keines von beiden ist für sich allein das Judentum der Vergangenheit, keines für sich allein wird sein das Judentum der Zukunft. Was ist nun das Judentum ohne diese Entwicklung? Was ist es ohne die heilige Schrift, den Talmud, den Midrasch Rabba, die Pesikta und den Tanchuma; was ohne Mischna Thora, den Moreh Nebuchim, den Schulchan Aruch, Mendelssohn's deutsche Bibel und die unzähligen jüdischen Schöpfungen auf dem Gebiete der Poesie, der Philosophie und der Wissenschaft? Ohne diese kann eine abschließende Antwort auf die Frage: „Was ist Judentum?" nicht gegeben werden. Diese ganze große Literatur, die Schatzkammer von Israels geistigem, religiösem, sozialem und politischem Leben innerhalb eines Zeitraumes von 3000 Jahren, war auf vielerlei Art mit Auflösung bedroht dadurch, daß sie den meisten Menschen, die nicht hebräisch verstanden, unverständlich, daß sie den Massen Israels und der übrigen Welt unzugänglich sind; daß sie wegwerfend wegen ihrer schlechten Darstellung behandelt wurde, sowie durch andere ähnliche Umstände. Während des letzten Jahrhunderts unternahmen es viele Gelehrte in Europa und Amerika, die veröffentlichten und unveröffentlichten Werke dieser alten und modernen jüdischen Literatur zu sammeln und so über alle Phasen des jüdischen Lebens Licht zu verbreiten, von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart, sie in wohlausgestatteten Bibliotheken zu erhalten, sie systematisch zu klassifizieren, wo es nötig war, neue Kommentare und Übersetzungen u. s. w. anzufertigen, und so den Aufbau einer jüdischen Wissenschaft vorzubereiten. In der Liste jener modernen Gelehrten, welche Pfadfinder und Pioniere auf diesem unbetretenen Gebiete der Forschung waren, die Bibliotheken und Museen erforschten, Manuskripte und die Überreste der Vergangenheit entzifferten und auslegten, die letzten Resultate der Forschung prüften und überall mit kritischer Umsicht verfuhren, sind zu nennen: Zunz, Rapoport, Luzzatto, Reggio, Geiger, Steinschneider, Munk, Derenbourg, Frankel, Herzfeld, Sachs, Fürst, Jost, Cassel, Holdheim, Grätz, Lazarus, Steinthal und Jellinek; ferner von amerikanischen Gelehrten: Alexander Kohut, Markus Jastrov und Isaak M. Wise. Das erfolgreiche Schaffen dieser Männer und anderer, welche noch an diesem Werke der Liebe arbeiten, ist von unendlichem Vorteile für das Judentum. Eins hat bei alledem noch gefehlt: eine Encyklopädie der ganzen Literatur, ein großes