Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 39 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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- 39 - ■ ,i ■■ .. \v ■ ' -,«.■ ■;..- -W-nryw* zu bekehren; aber der Lederherz hielt ihm tapfer Stand und seine gewöhnliche Entgegnung war: „Eines wenigstens könnt ihr uns nicht vorwerfen. Wir suchen nie einen Andersgläubigen zu bekehren." Es war in meinem letzten Winter in Waldhausen, wir hatten fast drei Monate ohne Unterbrechung steife Kälte, der Lederherz kam zwei Wochen nicht ins Dorf, man vermißte ihn allgemein, und es hieß, er müsse schwer krank oder gar schon gestorben sein. Lipp sagte, wenn er auch diese Woche nicht käme, so wandere er nach seinem Heimatsdorfe. Am ersten Sonntag nach Neujahr kam aber der Lederherz und schleppte sich mühsam mit seinem Pack bis zum Hause seines Gastfreundes. Keuchend sagte er: „Ich hätte daheim bleiben sollen. Aber Gottlob, daß ich bei Dir bin, Lipp." Der Lederherz sah noch abgehärmter aus als sonst, und auf der linken Seite war die Batte seines Rockes gewaltsam zerrissen. Lipp wußte, daß das ein Trauerzeichen sei und Lederherz berichtete, daß seine Mutter gestorben sei und er deswegen so lange nicht gekommen war. „Und jetzt bin ich selber schwer krank," klagte er. „Das war mein letzter Gang. Nun denn, in Gottes Namen, wenn ich draußen sterben soll und nicht daheim, sterbe ich am liebsten bei Dir. Ich fürchte, ich höre morgen Deinen Hahn nicht mehr krähen. Schick' sogleich einen Boten nach meinem Dorfe: Mein Bruder und wer sonst noch will und kann, soll zu mir kommen und bei mir sein, wenn ich sterbe." Der Schuster Lipp suchte ihm seine Ängstlichkeit auszureden und scherzte darüber, that aber doch schnell Alles» um es dem Gastfreunde so behaglich als möglich zu machen. Das einzige Bett, das in der Wärme stand, das Himmelbett in der Stube für die Großmutter, wurde ihm eingeräumt, und bald schnatterte Lederherz, vom Fieber geschüttelt. Der Arzt kam glücklicherweise gerade ins 'Dorf, er besuchte den Kranken, und beim Weggehen, als Lipp kummervoll fragte, zuckte er die Achseln. Lipp wurde leichenblaß; aber zum Kranken zurückgekehrt, that er sorglos und suchte ihn aufzumuntern. „Ich habe heute noch nicht gebetet,'' klagte der Kranke. „Du weißt, wie ich meinen Gebetriemen anlege; hilf mir, ich kann mich nicht regen." Lipp half dem Kranken die Gebetriemen um die Stirne und den linken Arm legen und sagte endlich lächelnd: „So, jetzt kannst Du besser kutschieren." Mit schwacher Stimme wehrte der Kranke ab: „Mach' jetzt keinen Spaß, thu' das nicht, Du versündigst Dich. Ich nehme Dir's aber nicht übel. Da, gieb mir die Hand, und ich bitte Dich, verzeih' mir auch Alles, was ich Dir je zu Leide gethan oder geredet, und wenn mich Bruder und die anderen nicht mehr am Leben treffen, sag' Ihnen allen; daß ich alle» verziehen habe . . . wenn sie mir wissentlich oder unwissentlich etwas Böses gethan ... sie sollen mir auch verzeihen. —" Er murmelte leise Gebete vor sich hin, dann rief er, wie irre redend, seinen Bruder: „Gieb mir das Gebetbuch und sag' mir das Schemah! Das Schemah will ich hören! Das Schemah!" Dem Lipp wurde angst und bange, als der