Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1901)
- Date
- 1901-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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38 lagerer auch. Ich gehe einmal vom Collegium nach Hause, und da hält mich am hellen Tage auf offener Straße solch ein Wegelagerer von Hausierer an und fragte mich: „„Nichts zu handeln?"" Ich sage Nein und . . - da war die Gefahr vorbei." Unser Hausierer war ein Jude mit Namen Herz oder Hirz, was eigentlich Hirsch heißt; Jedermann aber kannte ihn unter dem Namen Lederherz. In meinem Dorfe war es nämlich der Brauch, daß die Bauern sich große Spangen Sohlleder kauften, um benötigen Falls beim Schuster zur frischen Besohlung Stücke aus der Spange ausschneiden zu lassen. Der Lederherz lieferte den Vorrat, und dazu trug er noch ein Schild mit sich herum; denn die Ellenbogen seines Rockes waren mit Lederstücken besetzt, in Herzform ausgeschnitten. Ich war bald ein Jahr im Dorfe, der Lederherz hatte nie versucht, irgend ein Geschäft mit mir zu machen. Meiner Frau kaufte er indessen die Federn von unfern Gänsen ab, und sie machte auch zuweilen einen Tauschhandel mit ihm, wobei sie mir oftmals seine Redlichkeit und Klugheit rühmte und mir auch von seinen Lebensverhältnissen erzählte. Er war der Älteste von vier Geschwistern und hatte, wie er sagte, „das Heiraten" versäumt; denn er mußte für die anderen sorgen, denen er aus seinem Erwerbe zur Begründung eines Hausstandes verhalf. Jetzt, sagte er, habe er's leicht, denn er habe nur seine alte, bald achtzigjährige Mutter zu ernähren. Erst im zweiten Winter wurde ich mit ihm selbst bekannt. Er war auf die Bedürfnisse aller Menschen bedacht, und so brachte er mir hohe Pelzstiefel, die ich noch jetzt habe. Er erklärte mir mit klugem und gutherzigen Lächeln, daß ich die Stiefel haben müsse, wenn ich im strengen Winter nach meiner Filial oder nach den entfernten Bauernhöfen zu Krankenbesuchen fahre. Er trank bei uns eine Taffe Kaffee — eine andere Speise nahm er nicht — und ich gewährte es ihm gern, daß er dabei sein schwarzes Sammetkäppchen aufsetzte. Ich bezahlte ihm den Kaufpreis für die Stiefel sogleich baar; er sagte, das habe ja nicht solche Eile, aber ein eigner Glanz trat in sein großes dunkles Auge, als ich ihm das Geld darreichte und hiebei in hebräischer Sprache den Vers 14 und 15 aus 5. Buch Mose, Cap. 24 sprach: „Du sollst dem Dürftigen und Armen seinen Lohn nicht vorenthalten; er sei von Deinen Brüdern oder von den Fremdlingen, die in Deinen Thoren sind. An demselben Tage sollst Du ihm seinen Lohn geben, und es soll die Sonne nicht darüber untergehen." Der Lederherz war eine lange, knochenstarke Gestalt; man sah es ihm aber an, daß er sich schlecht nährte. Denn sechs Tage in der Woche lebte er fast nur von Kaffee und Kartoffeln, nur selten gönnte er sich eine Eier- oder Mehlspeise, die er sich bei seinem Gastfreunde, dem Schuster Lipp, in eigenem Geschirr selbst bereitete. Mit dem Schuster Lipp lebte er in inniger Freundschaft, die sich aber fast nur in beständigen Neckereien und Religionsstreitigkeiten kund gab. Der Schuster Lipp war ein Schriftgrübler und suchte seinen Freund zu unserem Glauben