Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 21 (1901)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1901)
- Date
- 1901-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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if^r?fWTrTi;!s^ 12 —;V t: Rechnung gewisser Jugendbildner kommen, die zu Allem eher passen, als zu Interpreten des göttlichen Wortes! Der Jugendunterricht bedarf entschieden einer Reform. Wie diese anbahnen? Vielleicht wird von berufener Seite eine Enquete veranstaltet? Man fordere jüdische i Männer und Frauen, die ein Herz für die jüdische Jugend - haben, auf, ihre Ansichten avszusprechen! Sie alle wollen die Jugend in gut jüdischem Geiste erziehen, wollen, daß das religiöse Gefühl ihnen in jetziger, der Decadence züneigender Zeit einen moralischen Halt gebe, aber die Schule bietet ihnen keine Hilfe, der Religionsunterricht, wie er jetzt in der Mehrzahl der Schulen erteilt .wird vermag in den jungen Seelen nicht zu zünden. Also Reform auf diesem Gebiete! Und auch auf einem andern! Unser Gottesdienst trägt dem modernen Zeitgeist wenig Rechnung. — Wer will einer gebildeten Frau zumuten, vier Stunden laug an Feiertagen die hebräischen Gebete mit anzuhören, die sie nicht versteht? Kann man so lange in Andacht, in gottge- . weihter Stimmung verharren? Wohl kaum. In der Berliner Reformgemeinde ist beispielsweise ein kurzer Gottesdienst eingeführt mit Gesang, Orgel, Predigt, deutschen Gebeten; da findet man stets eine andächtige Gemeinde; den deutschen Gesängen zu lauschen, ist ein Hochgenuß; erste Kräfte wirken mit, Alles stimmt zur Andacht; die. Gebete sind im modernen Geiste gehalten, weihevoll, poesiedurchweht, gedankenvoll. „Warum," fragte ich mich oft, „hat man nie versucht, einen modernen Gottesdienst abzuhalten? Haben wir nicht alle, die wir die hebräischen Gebete nicht verstehen, den Wunsch nach einem reformirten Gottesdienst?. Wie viele, die jetzt vollständig indifferent dem Judentume gegenüberstehen, würden wieder treue Anhänger der alten Religion werden, wenn man sie zu einem Gottesdienst laden wollte, der herzerhebend wirkt? Wie schön ist beispielsweise das in Leipzig, vom Gesangschor stets vor Beginn der Seelenseier vorgetragene Lied: „Seele, was betrübst Du Dich? was ist da so bang in mir? Fühlst du nicht des Taters Nähe?" rc. — Welches Auge blieb da thränenlerr, wenn der Sopran- Solo klagend ansetzte und die Orgel volltönend einfiel? Da war schon durch den Gesang eine echte Weihestimmung gegeben, die durch Chöre vor und nach der Predigt und den Hauptgebeten gesteigert wurde. —Im Chor wirkten Söhne und Töchter der Gemeinde Mit, gediegene Sängeskräfte, deren Leistungen begeistert ausgenommen wurde«. Auf Flügeln des Gesanges stieg die Seele zu Gott empor! Unser Gottesdienst ermangelt dieser in ihrer Wichtigkeit nicht genügend gewürdigten ^Anregung. — Man gebe den modernen Menschen, was sie fesselt, vor Allem Prediger, die der^ Gabe, schön zu sprechen, jene Idealität beigesellen, die in den Herzen zündet. Dann wird auch die jetzt indifferente Jugend sich wieder dem Gotteshaus zuwenden, allda Einkehr bei sich selbst halten. Des Predigers Pflicht «