Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1900)
- Date
- 1900-12-01
- Page
- Seite 283 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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283 Religion zu verleumden. Doch ich brauche es Euch nicht zu sagen, Ihr wisset eS ja alle: Nicht um Gelübde und Schwüre, die das „Mein und Dein" betreffen» handelt es sich im „Kol Nklre”, sondern, wie es ausdrücklich daselbst im Anschlüsse, an den Wortlaut des darin erwähnten Gesetzes heißt: um Gelübde und Schwüre, wodurch wir uns selbst etwas verschworen*), wodurch wir oft, sei es im Seelenschmerze oder im Sturme der Leidenschaft, einen unüberlegten oder unedlen Vorsatz gefaßt. So soll gerade durch das „Kol Nidre“ uns Gelegenheit gegeben werden, unedle Gelübde aufzulösen. Daß aber der Eid, der Schwur, mit dem irgend eine Verpflichtung gegen den Nebenmenschen verbunden ist, jedem Israeliten heilig ist und heilig sein muß-darüber braucht nicht erst zu Bekennern jüdischer Religion gesprochen zu werden. Unsere Thora hat die Heiligkeit des Eides zuerst ausgesprochen und der ganzen Welt gelehrt; aber nicht bloß die Thora, auch der Talmud ist allerorten von der Ehrfurcht und Heiligkeit des Eides durchdrungen, erklärt er ja: „Größere Verheerungen als die Elemente des Wassers und Feuers anrichten können, richtet der falsche Schwur an"; darum muß die Anschauuug, dem Israeliten sei der Eid nicht heilig, als Verleumdung niedrigster Art gebrandmarkt werden. M. A! Sind auch jene Gelübde auflösbar, welche wir im tiefsten Seelenschmerze oder im Sturm der Leidenschaft uns selbst auferlegt, so gilt dies nicht von Gelübden und Vorsätzen, die wir in feierlichen Augenblicken bei Erkenntnis unserer Sünden nnd Fehler ausspreche». Hier gilt das Wort der Thora: „Was du sprichst, sollst du halten", hier gilt das Wort Kohelets: „was du vor Gott gelobt, zögere es nicht zu erfüllen". Blicken wir nun zurück auf die abgelaufenen Feiertage, so haben wir an ihnen gelobt, aufzugeben die Gleichgiltigkeit gegen das Judentum und seine heiligen Institutionen, wir haben gelobt, an unserer Selbstvervollkommuung und Selbstveredlung zu arbeiten, wir geloben heute im „Ji&kaur“, dem Seelengebete „Zedoko” ein Wort, das nicht bloß Wohlthätigkeit, sondern auch Gerechtigkeit, Tugendhaftigkeit und Frömmigkeit bedeutet. So lasset uns beherzigen Kohelets Wort: „Was wir vor Gott gelobt, das wollen wir auch erfüllen". Wonatsschau. Die Synagogengemeinde in Köln trat jüngst in das 100. Jahr ihres Bestehens ein. Nach einer 373jährigen Abwesenheit zogen im Jahre 1798 die ersten Juden mit den Protestanten wieder nach Köln. Am Samstagabend den 5. Cheschwan, 20. Vendemiaire X.,; (1801) traten 14 Familien zusammen, gaben sich ein Statut und legten so den Grund zu der jetzigen Gemeinde. Dieses älteste noch vorhandene *) Wir haben zwar im Deutschen das Zeitwort „sich etwas verschwören", aber kejin dem entsprechendes Hauptwort; darum wird das Wort „Schwur" auch im Sinne für „Gelübde" gebraucht.