Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1900)
- Date
- 1900-12-01
- Page
- Seite 282 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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f- — 282 — Die Religion Israels betrachtet die Erde nicht als ein Jammerthal, sondern als eine Stätte ernster und edler aber auch freudiger Wirksamkeit. „Zu allem ist > ' die Zeit!" ruft Kohelet uns zu, zur Freude ebenso wie zum Ernste. Darum konnte im Judentume nicht die Anschauung Wurzel fassen, daß man die Welt fliehen! und sich von ihr zurückzieheu müsse. Ja, unsere Religion betrachtet es nicht etwa als ein Verdienst, sondern vielmehr als Sünde, wenn der Mensch allzuviel Entbehrungen sich auferlegt „Wer in Kasteiungen verharrt, verdient den Namen eines Sünders", sagen unsere Weisen. Selbst der Nasir, der nur für kurze Zeit sich durch Enthaltsamkeit Hervorthun wollte, mußte, wenn jene Zeit vorüber war, ein ( Sündopfer bringe», weil er, wie die Thora selbst angiebt, an seiner eigenen Person gesündigt durch eine Enthaltsamkeit, welche die göttliche Lehre nicht verlangt. Darum begreifen wir auch das Wort der Thora: „Wenn du es unterlassest, Gelübde zu thun, so begehst du keine Sünde." Allein, m. A., wer vermag dem menschlichen Herzen in allen Lagen und in allen Augenblicken zu gebieten? Seht, da wird jemand von einem harten! und schweren' Schicksalsschlage getroffen. In seinem Seelenschmerze gelobt oder schwört er, an keiner Freudeufeier mehr teil zu nehmen. Doch die Zeit vergeht, die Wunde vernarbt, und eine v e r l a ss e n e Waise feiert ein Freudenfest. Gerne möchte er daran teilnehmen, — es gilt ja ein unglückliches und betrübtes Waisenherz zu erfreuen, — allein das Gesetz der Thora nach seinem strengen Wortlaute, nach seinem Buchstaben genommen, verbietet es. Denn also lesen wir! im 4 B. Mosis (Cap. 30 B. 3): „So jemand ein Gelübde thut oder eine» Schwur schwört, wodurch er sich selbst bindet, so darf er nicht leichtfertig umgehen mit feine», Worte (vgl. Sifrö z. St.); was er gesprochen, soll er erfüllen," und im gleichen! Sinne ruft Kohelet uns zu: „So du ein Gelübde gethan vor Gott, zögere es nicht, zu erfüllen." Oder ein anderes, nicht selten vorkominendes Beispiel! Jemand wird von seinem Nebenmenschen schwer gekränkt und beleidigt. Da schwört er, kein Wort K mehr mit diesem Menschen zu sprechen, ihm nie mehr einen Gefallen zu erweisen.! Nach dem Wortlaute des vorhin erwähnten Gesetzes der Thora dürfte ein solches Gelübde nicht gebrochen werden. Doch unsere Weisen, waren ebenso gründ- ' liche Bibelforscher wie tiefe Menschenkenner; sie faßten die Thora nicht nach dem Buchstaben sondern nach dem Geiste auf, und schufen daher für jene Gelübde und für jene Schwüre, durch welche man nur sich selbst bindet, keineswegs aber das Recht anderer verletzt, für Schwüre und Gelübde, welche man im tiefen Seelenschmerze oder in der Aufwallung des Zornes gesprochen, jene Einrichtnng, die unter dem Namen „Hatoras uedorim“ „Auflösung der Gelüde" bekannt ist. Vor drei Männern hat man seine Rene ob der unüberlegten oder unedlen Gelübde auszusprechen, um daraus die Lehre zu ziehen, nicht leichtsinnig mit seinem Worte umzugehen. Darauf nun m. A., ist auch zurückzuführen das „Kol Nidre“, das so oft mißverstanden und zum Anlässe genommen wurde, Israel und seine