Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-12-01 · Heft 12 (1.12.1900) · p. Seite 281

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 12 (1.12.1900)
Date
1900-12-01
Page
Seite 281 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969879-2969892--6184-2975514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

281 nicht, daß die ärmste jüdische Hausfrau Küchen- und Tischgeschirr für Fleisch-, anderes für Milch-, eine dritte Garnitur für neutrale Gerichte und svgar noch eine vierte für das Osterfest haben muß. Dazu ist noch zu bedenken, welchen Eindruck der Sabbath- und Festtagstisch der Juden auf die einfache christliche Nachbarin machen muß, die keine Ahnung hat, welche Entbehrungen jüdische Familien sich die ganze Woche auferlegen, um den Sabbath das Jahr hindurch und die Feste würdig zu feiern. So haben denn die jüdischen Speisegesetze den Juden als Schutzwall gegen Krankheiten und wirtschaftlich, sittlich und selbst ästhetisch als Erzieher gewirkt, anderseits aber auch sie unglaublich eingeengt und abgesondert. Noch jetzt legen sich viele Juden große Opfer auf, um Speisegesetze zu befolgen, die zum Teil veraltet, weil nach den Fortschritten der Nahrungsmittelindustrie nicht mehr durchführbar, zum Teil gradezu lächerlich und thöricht sind. Unsere cheLübde. Rede, gehalten am Schlußfeste 1900 im israelitischen Tempel zu Brüx. Bon Dr. Adolf Bi ach, Rabbiner und Prediger in Brüx. M. A.! Es ist eine schon Jahrhunderte alte Sitte, am Laubhütten- oder auch am Schlußfeste jenes merkwürdige Buch Kohelet zu lesen, das immer auf's neue jüdische wie nichtjüdische Forscher zur Auslegung reizt. Ist uns auch selbst heute noch das Verständnis des ganzen Buches nicht vollkommen klar, so ist doch jedes einzelne Kapitel interessant, ja fast jeder einzelne Vers regt uns zum Nachdenken an. Darum wollen wir heute am Schlußfeste aus diesem merkwürdigen Buche einen Vers herausgreisen, der uns Gelegenheit geben soll, eine immer aufs neue und erst vor kurzem wiederum vorgebrachte Verleumdung in ihrer ganzen Nichtigkeit zu zeigen; aber auch auf die Vorsätze soll dieser Vers unseren Blick lenken, welche wir an den abgelaufenen Feiertagen gefaßt. Dieser Vers lautet (Kohelet Cap. 5, V, 3.): „So Du ein Gelübde gethan vor Gott, zögere nicht, es zu erfüllen," M. A. Die jüdische Religion ist dadurch ausgezeichnet, daß sie den Sinn für die höchsten idealen Güter weckt und der Macht des Geistes den größten Vorzug einräumt. Deshalb gilt auch Israel der Versöhnungstag als der heiligste Tag des Jahres, weil er die Macht des menschlichen Geistes zeigt, weil er davon Kunde giebt, wie der Mensch imstande ist, die Fesseln der Sinnlichkeit und Selbstsucht abzuwerfen und zu fliehen „aus dem engen dumpfen Leben in des Ideales Reich."*) So begeistert aber auch die jüdische Religion für die höchsten idealen Güter ist, so hat sie dennoch nicht den Blick für das wirkliche Leben außer acht gelassen. *) Schiller, das Ideal und das Leben 2. Strophe.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.