Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1900)
- Date
- 1900-12-01
- Page
- Seite 270 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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270 unterschied allein, und würde der Übertritt aller Juden zum Christentum — ob zum Protestantismus oder Katholicismus, mag einmal dahin gestellt bleiben — wirklich die sogenannte Judenfrage in Deutschland lösen? Levita hat diesen beneidenswerten Glauben, trotzdem die Antisemiten, die „zielbewußten" wie die verschämten, die ersteren mit dem Aufwand aller ihrer Gehässigkeit, die letzteren zwar höflich, aber doch nicht minder entschieden, es leugnen, und trotzdem selbst der gewiß nach Ansicht Levita's vorurteilslose Herausgeber der Zeitschrift, die Levita ihre Spalten geöffnet, in einer Anmerkung der Redaktion hervoryeben zu müssen glaubt, daß „für nns" von einer Verschmelzung zweier Stämme nicht die Rede sein kann, daß „für uns" ein für allemal das Wort Treitschkes gilt: „Die Juden müssen Deutsche werden schlechtweg." Aber nein, es ist nicht wahr, der Religionsunterschied ist es nicht, der sich der Gestaltung eines befriedigenden Verhältnisses cntgegenstemmt. Ist doch der liberale Protestantismus, wie ihn z. B. ein Harnack vertritt, von deni Katholicismus weit mehr verschieden als liberales Judentum vom liberalen Protestantismus, und doch leben die beiden Ersteren in Deutschland völlig gleichberechtigt nebeneinander. Auch nicht in dem Umstande, daß wir nicht „die Feste der Deutschen" feiern, liegt der wahre Grund des Mißverhältnisses; denn abgesehen davon, daß diese Feste den Deutschen nicht national characterisiereu, und daß auch die Deutschen ihre Hauptfesttage dem Judentum verdanken, feiern die Juden ja diese Feste schon seit längerer Zeit von Staatswegen mit. Etwas ganz Anderes ist es, was den Juden ihren Anteil am staatlichen Leben durch Maßregeln der Verwaltung vorenthält: es ist einmal das seit Jahrhunderten ihnen entgegenstehende christliche Vorurteil und alsdann die Concurrenzfurcht, jedes für sich und beide zusammen, bei dem Einen mehr das eine, bei dem Anderen mehr die andere und bei den Meisten Beides gemeinschaftlich wirkend; bei fast Allen aber ist die Verschiedenheit der Religion nur der Vorwand, hinter dem sich eine zum Mindesten halbbewußte Ungerechtigkeit versteckt. Dabei kann ebenso ehrlich von jüdischer Seite zugegeben werden, daß manche aus der jahrhundertelangen Bedrückung der Juden und aus ihrer Lage als noch nicht lange Emancipirte leicht erklärliche Schwäche dem Vorurteile Nahrung zu geben geeignet ist, wie es unzweifelbar ist, daß derlei Schwäche» angesichts der Sonne der Toleranz und in dem trotzdem und alledem wachsenden Gemeinschaftsleben nach und nach vergehen müssen. Wir Inden der Neuzeit verfallen so leicht in den Fehler, die Verhältnisse unter dem Gesichtswinkel einer zu kurzen Zeitperiode zu betrachten. Die Fortschritte kommen uns nicht rasch genug; >vir verzehren uns vor Ungeduld, und der nach großen Fortschritten naturgemäß eintretende Rückschritt macht uns verzagen und läßt uns zu den verzweifeltsten Beschleunigungsmitteln — raten- Wollten wir doch historischer denken und eine größere Periode unseren Betrachtungen über die Fortschritte, die das Judentum in Deutschland im vergangenen Jahrhundert gemacht hat, zu Grunde legen! Wenn wir dann die Stellung unserer Väter und