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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-12-01 · Heft 12 (1.12.1900) · p. Seite 269

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 12 (1.12.1900)
Date
1900-12-01
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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269 Blick des Menschen vom Endlichen zum Ewigen, vom Irdischen zum Himmlischen, vom Diesseits zum Jenseits- Benedictus Levita geht auch noch auf Einzelheiten ein. So spricht er von einer Rückständigkeit und Barbarei in den kirchlichen Formen des Judentums und hebt hier die Beschneidung hervor, ohne zu bedenken, daß in weiten liberal-jüdischen Kreisen der Standpunkt, daß nicht schon die Geburt, sondern erst der Act der Circumcision das Kind zum Juden macht, längst aufgegeben ist; er spricht von einem Geplapper und Geplärr in den Synagogen und vergißt, daß gerade in Deutschland in Folge der Reformbewegung die äußere Form des Gottesdienstes eine durchweg erhebende geworden, nachdem vielfach zeitgemäße Änderungen an derselben vorgenommen ivorden, und daß es nur eines weiteren Anstoßens seitens der bei Weitem die Mehrheit ausmachenden nichtorthodoxen Kreise bedarf, um auf dem eingeschl^genen Wege fortzuschreiten. Ihm imponieren die Blumen und Farben des christlichen Begräbnisses gegenüber der Einfachheit und Gleichheit, die im Großen und Ganzen bei jüdischen Begräbnissen zum Ausvruck kommt; er weiß nicht, daß einstmals und zwar bis zu Gamaliels des Ersten Tod bei den Leichenbestattungen ein von Vielen kaum zu erschwingender Aufwand getrieben wurde und daß aus dessen Zeit in Folge seiner letztwilligen Anordnung die — übrigens heutzutage von jüdisch-freisinniger Seite fast durchgängig durchbrochene — schöne Sitte stammt, die Bestattung auf die einfachste, für Arm und Reich gleiche Weife vorzunehmen- Benedictus Levita steht endlich nicht an, die christliche Caritas als die jüdische weit überragend hinzustellen und den Juden als Muster vorzuhalten. Es liegt mir fern, die Ehrlichkeit Levitas auch nur einen Augenblick in Zweifel zu ziehen; aber er darf es uns auch nicht verargen, wenn wir unser höchstes Erstaunen darüber zum Ausdruck bringen, daß er nicht kennt, was doch allenthalben in die Erscheinung tritt, und uns auch von unseren ärgsten Feinden nicht bestritten wird, weil es nicht bestritten werden kann: das jüdische Herz und seine Bethätigung zu allen Zeiten und a» allen Orten, wo Menschen leiden, daß er nicht weiß, daß von jeher in Israel die Armen, die Kranken, die „Mühseligen und Beladenen" mit einer Hingebung ohne Gleichen gepflegt worden sind. Wenn irgendwo, so kann gerade auf dem Gebiete werkthätiger Menschenliebe das Judentum jeden Vergleich mit dem Christentum aushalten; mit Stolz können wir darauf Hinweisen, daß seine erhabene Ethik nicht nur auf dem Papiere, in dem Schrifttum als tote Theorie, sondern im Leben und Wirken als segensvolle That vorhanden ist, daß seine erhabene Ethik, die die Reform nicht noch zu vertiefen nötig hatte, nicht nur gelehrt, sondern auch wirklich gelebt wird. II. Benedictus Levita hält das Verhältnis des Judentums zum Deutschtum für ein unbefriegendes, und ich bin der Letzte, der dies leugnen wollte. Aber was trägt an diesem unglückseligen Verhältnis die Schuld? Ist es wirklich der Religions-

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