Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-12-01 · Heft 12 (1.12.1900) · p. Seite 268

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 12 (1.12.1900)
Date
1900-12-01
Page
Seite 268 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969879-2969892--6171-2975501
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

268 die Todesstrafe der Kreuzigung war auch keine Strafe des jüdischen, sondern eine Strafe des römischen Strafcodex. Jesus aber ist von den Römern zum Tode durch das Kreuz verurtheilt worden, weil er sich König der Juden (I. N. R. J. - Jesus Nazarenus, rex Judaeorum) nannte, was die Römer glauben lassen mußte, er erstrebe die Befreiung des jüdischen Staats von der römischen Herrschaft und wolle sich zum König des wieder unabhängig gewordenen jüdischen Staates machen. Die große Masse der Inden hat kein Interesse an dem Tode Jesu gehabt, der im Wesentlichen nichts Anderes lehrte als die jüdischen Gesetzeslehrer der damaligen Zeit auch, und der ihnen, wenn er ihnen überhaupt und nicht vielmehr nur einer beschränkten Zahl seiner engeren Landsleute ausgefallen war, dann höchstens als Sectierer und zwar als einer unter vielen anderen Sectierern ihrer Zeit erschien. Denkbar wäre es auch noch, daß Jesus derjenigen Partei, welche mit aller. Macht dahin strebte, das römische Joch abzuschütteln, und deshalb das Volk fortwährend aufstachelte, lästig wurde, weil er das Volk durch seine Prophezeihung, das Himmelreich sei nahe, von dem politischen Kampfe des Tages ablenken konnte; allein dies ist durch die Geschichtsquellen aus der damaligen Zeit nicht bezeugt, wie diese überhaupt über Jesus so gut wie gänzlich schweigen: die bekannte Stelle im Flavins Josephns erscheint heutzutage auch nichtjüdischen Forschern als Interpolation einer späteren Zeit, die es nicht begreifen konnte, daß Jesus in diesem Buche eines Zeitgenossen nicht sollte Erwähnung gefunden haben. So wenig es demnach richtig ist, daß die jüdische Ethik an Höhe und, Reinheit der christlichen nachsteht, so wenig richtig ist es aber auch, daß in den religiösen Erinnerungen des Judentums das nationale Moment das religiöse zu sehr überwiegt. Ebensowenig, wie irgend eine andere positive Religion, kann das Judentum der Cermonieen entraten, und diese knüpfen im Judentum allerdings und mit Vorliebe an stammliche Begebenheiten an. Aber abgesehen davon, daß, wie Levita selbst hervorhebt, die Mehrzahl der Juden, namentlich der gebildeten, sich über die Ceremonialgesetze hinwegsetzen, haben diese, insonderheit aber die Feste, im Laufe der geschichtlichen Entwicklung und zwar schon recht früh das, was ihnen von ihrem Ursprung anhaftete, abgestreift; dazu kommt, daß drei von den fünf jüdischen Hauptfesten auch Abschnitte im Leben eines ackerbautreibenden Volkes feiern. So feiert das Passahfest (Ostern) Gott als den Erlöser der Unterdrückten und zugleich das Wiedererwachen der Natur aus dem Winterschlaf; Schebuoth (Pfingsten) knüpft an die Offenbarung der Lehre an, die Gemeingut der gesitteten Welt geworden, und ist auch das Fest der Erstlingsfrüchte, und das Laubhüttenfest bringt den messianischen Verbrüderungsgedanken zum Ausdruck, der schon zur Zeit des Opferdienstes mit ihm verknüpft war, und ist außerdem das Erntefest. Und was vollends die wichtigsten Feste des Jahres, das Neujahrsfest und den Versöhnungstag, angeht, so entbehren dieselben des nationalen Charakters gänzlich und lenken den

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.