Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 12 (1.12.1900)
- Date
- 1900-12-01
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 267 die im Pentateuch (III. Buch Moses 19, 18; 19, 84; V. 10, 19) stehen, und zwar ersteres ohne den Zusatz „und Du sollst Deinen Feind hassen", den ihm das Evangelium fälschlicherweise anhängt; denn es ist nicht wahr, daß das Judentum lehrt, daß man seinen Feind hassen soll; im Gegenteil heißt es im IV. Buch Moses, 16, 17: „Hasse nicht Deinen Bruder in Deinem Herzen, zurechtweisen sollst Du Deinen Nebenmenschen" und im II. B. M. 23, 4: „Wenn Du den Ochsen oder den Esel Deines Feindes, die sich verirrt haben, antriffst, so führe sie ihm zurück" und im Talmud: „Der Mensch erweise auch dem Liebe, der ihm Böses gethan; er räche sich nicht, und trage keinen Haß nach (Jalkut Samuel 134)". In der That hat denn auch Hillel einem Heiden, der das Judentum annehmen zu wollen erklärte, wenn Hillel es ihn lehren tonnte, so lange er aus einem Fuße stehe, erwidert: „Ja, mein Sohn, ich kann das: „„Was Du nicht willst, das man Dir thue, das thne auch Deinem Nächsten nicht,"" — das ist das ganze Gesetz, alles übrige ist Erklärung. Gehe hin und lerne". Hillel aber war ein älterer Zeitgenosse des Inden Jesus, und der bedeutendste Lehrer des Judentums seiner Zeit, dessen Lehren allgemein als maßgebend anerkannt wurden. Gewiß hat Jesus auch Einiges von seinen Schülern verlangt, was die damaligen Lehrer des Judentums von seinen Bekennern nicht verlangt zu haben scheinen, so die Anforderung : „So Dir jemand einen Streich giebt auf Deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar" oder „Ärgert Dich Dein rechtes Auge, so reiße es aus" oder „Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für eueren Leib, was ihr anziehen werdet". Aber Levita selbst verwirft Manches, was Jesus gepredigt, und, wenn ich ihn recht verstehe, gerade die obenerwähnten und ähnliche Forderungen, und er wird, wenn er die Evangelien ivieder einmal durchlieft, mit mir auch zu der Überzeugung gelangen, daß Jesus auch nicht ein „Tüttelchen" vom „Gesetz," richtiger Lehre (Thora), beseitigen wollte; er wird, wenn er die Lektüre des neuen Testaments fortsetzt, gar bald gewahr werden, daß das Christentum, das man gemeiniglich unter Christentum versteht, nicht Jesu, sondern Paulus Lehre ist, daß dieser, um Jesu Sittenlehren und dem christlichen Gottesbegriff Eingang unter den. Heiden zu verschaffen, im Gegensatz zu Petrus und den Judeuchristen das Ceremonialgesetz für unverbindlich, seine Befolgung geradezu für unchristlich erklärt hat. Er wird, wenn er endlich die jüdische Geschichte zur Zeit Jesu — die Grätz nicht, wie Levita behauptet, in zwei Zeilen, sondern in 40 Seiten behandelt — aus jüdischen und christlichen Quellen studirt, vor allen Dingen nicht mehr von dem großen Rechtsbruch der Kreuzigung, der auch an uns Juden der Jetztzeit noch heimgesucht wird, und davon reden, daß unsere Vorfahren wirklich den Ruf ansgestoßen haben: „Sein Blnt komme über uns und unsere Kinder". Denn — so lehrt die unparteiische Geschichtsforschung — nicht ein jüdisches Gericht war es, das Jesnm zum Tode verurteilte, schon darum nicht, weil die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod den Inden von den Römern entzogen war und in den Händen des römischen Statthalters lag;