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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-11-01 · Heft 11 (1.11.1900) · p. Seite 259

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 11 (1.11.1900)
Date
1900-11-01
Page
Seite 259 (sequence 21)
Language
German
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259 wenig stolz war. Zum Andenken an den berühmten Urahn wurde mir auch der Vorname Martin zu meinen vier anderen Vornamen noch zugelegt. Eine Judenfamilie, die uns gegenüber wohnte, und meinen früh verstorbenen Eltern befreundet gewesen war, lud mich öfters zu sich ein — einmal zum Laubhüttenfest welches einen tiefen Eindruck auf mich machte. Bald wurde ich noch mit anderen Juden bekannt und befreundet, und auch auf der Universität hatte ich Juden unter meinen besten Freunden. Ich rede hier nur von der Zeit, ehe ich durch die Verhältnisse zum Aktor auf der politischen Bühne gemacht wurde, in dem Juden Johann Jacoby ein verehrtes Vorbild und in dem Juden Carl Marx meinen unsterblichen Lehrer kennen lernte. Als Fürst Bismark vor 1878, um den Volkszorn ob des Großkornwuchers und der ganzen junkerlichen Raubpolitik von den Schuldigen abzulenken, den Antisemitismus aus der modrigen Rüstkammer des Altertums hervorholte und Stöcker, den biederen Scheiterhaufeiimaun auf die Juden losließ, da tauchten die Jugenderinnerungen in mir auf, und neben den politischen Erwägungen kamen auch meine persönlichen Sympathien für die Juden zur Geltung In England hatten sich diese Sympathien erweitert, vertieft und gewissermaßen eine wissenschaftliche Basis gewonnen. Disraeli, von allen englischen Staatsmännern mir der interessanteste, hat in seinen, litterarisch wie politisch gleichbedeutenden, lange nicht nach Verdienst geschätzten Romanen die Theorie ausgestellt und genial verfochten, daß die Angelsachsen und Juden die zivei begabtesten und zur Weltherrschaft oder Weltregierung berufensten Rassen der Welt seien. Sagen wir statt angelsächsisch: germanisch, so gelangen wir zu einem Judo-Germanismus in dem jedenfalls mehr Kern und mehr Wahrheit steht, als in der verlogensten Hofschranzenlehre des Christo- Germanismns, oder der sogenannten „christlich-germanischen Weltanschauung". Und nicht blos mehr Kern und Wahrheit,: vor Allem auch mehr Freiheit. Der Judengott und die Judenhelde», voran die Makkabäer, sind es gewesen, die einen Cromwell zum Befreiungskampf anstachelten — wohingegen im Rainen des Christentums nie ein Freiheitskampf der Völker geführt worden, wohl aber unzählige Känipfe zur Unterdrückung der Völker. Das einzige Land, in welchem der Freiheitskampf des Volkes einen religiösen Charakter trug, ist England — und in England war es nicht das Reue Testament, das den Kämpfern das geistige Rüstzeug lieferte, sondern das Alte Testament. Die englische große Revolution in der Mitte des 17. Jahrhunderts — nicht mit der Spießbürger-„Revolution" zu Ende desselben zu verwechseln — war das zur 2 hat gewordene und auf die politische Bühne gebrachte Buch der Makkabäer. . . In dem Umstand, daß die Juden durch ihre politische und soziale Ächtung und durch das Verbot der Ausübung „ehrlicher" Berufe zum Gelderwerb gezwungen und zu Pionieren der modernen Bourgeoisie künstlich gezüchtet worden sind, erblickte ich immer eines der lehrreichsten und amüsantesten Beispiele von „Ironie der Weltgeschichte". Mau könnte auch sagen: von Nemesis. Nemesis ist auch, daß die Urenkel der Raubritter, welche die Juden ausplünderten

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