Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1900)
- Date
- 1900-11-01
- Page
- Seite 258 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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258 v/'yrf'-.n-m: •v:!|: Haupt jede edle Gesinnung keiner Religionsgemeinschaft allein eigentümlich, und doch ist umgekehrt zu einem gottgefälligen Leben das Festhalten an mehr äußeren Dingen und Gebräuchen nicht absolute Vorbedingung. Auch das hat man, wie mir wohlbekannt ist, in unserer Synagogengemeinde längst eingesehen. Nicht abgeschafst sind die Gebräuche der Voreltern, wohl aber hat jedes Mitglied volle Freiheit seines Thuns und Lassens, und dieser Nichtgebundenheit an Formen und Gebräuchen entspringt dann wieder jene freiere Auffassung von göttlichen und weltlichen Dingen, die schon den weise» Nathan zierte und heute wie früher einen nicht zu unterschätzenden Vorzug insbesondere des gebildeten Juden ausmacht. Empfänglich für jede weitere Entwicklung des Menschengeschlechtes, erglüht für Kunst und Wissenschaft, erfüllt von ivahrer und echter Humanität, dabei folgsam den Staatsgesetzen und treu dem Könige, so seheich im Geiste, und nicht ich allein, denselben Juden»den man ehemals verbrannte, und dem heute nur die verblendeten Fanatiker seine Rechte kürzen wollen; so muß er Allen erscheinen, die nur gerecht sein wollen, und wenn dereinst, vielleicht erst nach Jahrhunderten, die Gesetze der Religionen und Konfessionen sich derartig ausgeglichen haben werden, daß der Mensch nur noch nach seinem inneren Wert geschätzt und beurteilt wird, alle anderen Unterschiede dagegen bedeutungslos geworden sein werden, wenn einmal das Menschentum diesen Triumph erlebe» wird, — dann wird, so hoffe ich, bei der Feier dieses Triumphes die Königsberger Synagogengemeinde nicht unbeteiligt bei Seite stehen. — Wie erbärmlich heben sich davon die Worte des Grafen Wickler ab, die er am 5. September in einer Lerliucr Versammlung gesprochen. Er führt aus, daß die Jndennot überall herrsche, auf dem Lande und in der Stadt, daß kein Zweig des öffentlichen Lebens von ihr frei sei. Wenn man etwas dagegen erreichen wolle, müsse man mit leichten Züchtigungen der Juden beginnen, man müsse sie, wo immer man sie treffe, verhauen. Dann endlich würden sie ihre Sachen zusammenpacken und davonziehen. Nur durch energische, rücksichtslose Keile sei die Judenfrage zu lösen — eine andere Lösung wisse Redner nicht. Man müsse jetzt die schwersten Geschütze gegen die Inden ins Feld führen, und da gegenwärtig überall geboxt werde, müsse man in Deutschland gegen die Juden boxen. Der Moment sei jetzt gekommen, wo die Nation sich selbst helfen müffe. — In dem Aufsatze „Aus meiner Schulmeisterzeit" erzählt Wilhelm Liebknecht: „Gießen, meine Geburtsstadt, liegt in der Nähe und in der Einflußsphäre von Frankfurt am Main, einer Stadt, in welcher die Juden seit einem vollen Jahrhundert eine geachtete, ja beinahe gebietende Stellung eiuuehmcn. Diesem Umstand und der Aufgeklärtheit meiner Erzieher mag es zuzuschreibeu sein, daß ich auch in meiner Jugend kein Vorurteil gegen die Juden einsvg. Blvs die Katholiken erschienen mir damals als Menschen zweiter Klasse, zum Mindesten als etwas verdächtig, was sich daraus erklärt, daß es in unserer Gegend so gut wie keine Katholiken gab, und daß meine Familie, trotz liberaler Anschauungen, auf die von ihr fest geglaubte und von hessischen Genealogen behaubtete Abkunft von Dr. Martin Luther nicht