Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1900)
- Date
- 1900-11-01
- Page
- Seite 256 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969891--6158-2975487- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
bis 2 Stunden vor Prag und baute sich einen Wall und Schanzen. Da gab es immerfort kleine Kämpfe, die man „Scharmüzel" nennt, zwischen dem österreichischen Heere und den Franzosen. Das österreichische Heer eroberte einzelnweise die Gebäude in der Nähe der Stadt Prag und innerhalb einiger Wochen kamen Hunderte Talpatschen, Panduren, Slowaken aus dem österreichischen Heere in die Dorfgemeinde Libna bei Prag und dem seitwärts gelegenen sogenannten Wasserhosen. Nicht lange darauf begannen sie die Festung in der Nähe der Stadt an mehreren Stellen zu beschießen, so daß alle Franzosen in die Stadt flüchteten. Einige schlugen ihre Zelte auf dem sogenannten Lorenzer Berge auf, andere in Kloster Strahav und den den Stadtwällen nahe gelegenen großen Häusern. Dann bedrängten sie die Stadt; gar keine Nahrungsmittel wurden zugeführt, die Preise wurden drückend schwer. Damals kostete ein Pfund Fleisch 51 Kreuzer, ein Strich Brodmehl 15 fl., weißes Mehl der Strich 20 fl., Grütze 8 fl., ein Seidel Fett 9 Reichsthaler, ein Seidel Mark 24 Kr, eine Gans 6 fl., ein Gansschenkel 45 Kr., ein Gansgekröse 54 Kr., ein Kuhkopf 8 fl., ein Fuß 2 Kr., ein Strich Hafer 1 fl., ein Zentner Heu 2 fl., ein Viertel Häckerling 45 Kr. Die Theuerung war unbeschreiblich groß. Die Soldaten fingen schon an Fleisch von Rossen zu essen, die sie täglich bei dem Wasser zu Hunderten abschlachteten und wenn es zuerst jedem frei stand, nach Belieben Roßfleisch zu nehmen, so wurde endlich auch dieses zu 18 Kr. das Pfund verkauft. Viele Soldaten kamen in die Judenstraße mit schönen Rossen, die in einem gewöhnlichen Jahre fünfzig Gulden wert waren, sie um ein halbes Loth Tabak, das 2 Kr. wert ist, zu verkaufen und es traf sich kein Käufer, man lief nach Hause und das Pferd ging in den Straßen herrenlos einher. Den Kranken gab man Roßfleisch und nur einigen Rindfleisch; es war von Rossen überhaupt nicht mehr viel übrig. Auf Anordnung des französischen Kommandos hatte jede Reiter-Kompagnie 4 Rosse und jeder der hochangesehenen Hauptleute (eines.) Wonatsscharr. Man berichtet: Die Stadt Kerlin hat jüngst einen neuen Bürgermeister erhalten in der Person des Herrn Krinlrmann aus Königsberg. Bei der Einweihung der neuen Synagoge in Königsberg hielt Brinkmann vor einigen Jahren eine Rede, die den Geist dieses Mannes am besten kennzeichnet, weshalb wir sie an dieser Stelle im Wortlaut bringen: „Wir leben"' so begann der Redner, „in einer stürmischen, ich möchte sagen, wilden Zeit, in der längst veraltete Anschauungen sich wieder ans Tageslicht wagen. Falsche Begriffe von Ehre und Ehrgefühl werden wieder wach und trotzen besseren und aufgeklärten Meinungen, ganze Stände und Bevölkerungsklassen werden aufgerufen zum Kampfe des einen Standes gegen den anderen, der