Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1900)
- Date
- 1900-11-01
- Page
- Seite 254 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969891--6156-2975485- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
254 während der Stunde ivuchs immer mehr, je länger sich die Zurückkunft von Nassaus verzögerte. Er war racheschnnnbend zn dem Rektor gekoinmen und hatte die beiden Juden beschuldigt, ihn durch Zischlaute beleidigt und die ganze Prima durch Verleumdungen gegen ihn aufgebracht und zum Mitzischen verleitet zu haben. Der Rektor forschte ungläubig, welche Verleumdungen denn gegen ihn erhoben worden seien. „Alles mögliche. So genau kann ich das nicht sagen, welche." Der Rektor merkte, daß er die Sache au dem rechten Ende augefaßt hatte: „Woher wisse» Sie denn da, daß man Sie überhaupt verleumdet hat?" „Ich habe es .... ich denke es mir." „So! Und daß gerade Ihre israelitischen Mitschüler Sie verleumdet haben, das denken Sie sich wohl auch?" ' „Nein das weiß ich!" „Woher wissen Sie das? schrie der Rektor, über die Unverschämtheit empört, mit der von Nassau seine gehässige» Ersindungen als bewiesene Thatsachen hinstellte." „Weil . . . weil ... es ist doch selbstverständlich, daß es niemand anders getha» haben kann." „Das muß ich sagen!" hielt der Rektor belustigt an sich. „Vielleicht können Sie mir dann auch angeben, wie Sie es fertig bringen, aus den Zischlauten der ganzen Klasse diejenigen Ihrer jüdischen Mitschüler herauszukeunen? Sie sagten jawohl, daß Sie diese zuerst gehört hätten?" „Jawohl sie haben angesangen." „Und woher wissen Sie dies?" „Weil. . . weil . . . ich weiß es nicht, aber." „Weil Sie guten Grund haben, Feindseligkeiten von dieser Seite zu vermuten. Weil Sie genau wisse», daß Sie Gideon und Reisenberg schon genug zu Leid gethan haben, um von ihnen gehaßt zu werden- Das wollten Sie doch sage», nicht wahr? Wir verstehen uns" schloß der Rektor bitter. „Sie werden das Weitere noch hören." Rot bis in die Ohren kam von Rassau in die Klasse zurück. Alle Blicke flogen auf und bemühten sich seine verlegene Miene zu deuten. Man hatte trotz allen verstohlenen Forscheus und Umdrehens, Anstoßens und Znraunens, noch immer nicht erfahren, was in dem Rektoratszimmer eigentlich vorgegangen war, als das Eintreten des Pedells die Neugier auf ihren Gipfel trieb. Es wurde bekannt gemacht, daß die nächste Stunde wegen einer dringenden Konferenz ausfalle. Gleich darauf schloß der Unterricht. Mit dem ersten Glockenzeichen eilte von Nassau hinaus, ohne ein Wort init einem seiner Kameraden gewechselt zu haben. Er kehrte nicht mehr zurück. Er war „geflogen". Ah 1 \Jk.\. w . L '*.4*.' -uLkr»l kt