Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1900)
- Date
- 1900-11-01
- Page
- Seite 251 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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251 sowenig aufgebe, wie seine Nationalität und einen unterdrückten Glauben um st weniger, je schurkenhafter es sei, von seinem geknechteten Vaterlande abzufallen. „Der tugendhafte Clemens" sah das ein und machte zwar keine Bekehrungsversuche mehr, erblickte seine Mission aber fortan darin, den Haß gegen seine jüdischen Mitschüler desto rühriger zu schüren. Der Samen, den er streute, fiel auf fruchtbaren Boden. In der Klasse war neuerdings die Gewohnheit aufgekommen, wenn Reifenberg das Schulzimmer betrat oder während der Stunde aufgerufen wurde, einen Zischlaut, der sich wie „Ptzsch" anhörte, auszustoßen, eine jener Äußerungen der Verachtung, wie der „Hep—hep"—Ruf in der Märtyrerzeit der Judenverfolgungen. Reisenberg that in seiner Stoikerhaltung, als höre er nichts. Die Klassenlehrer schritten, teils weil sie nichtsahnend, teils weil sie selbst judenfeindlich waren, nicht ein. Nur in Gideon kochte die Empörung, und wenn die Zischlaute hinter seinem Nachbar losbrachen, bäumte sich sein ganzes Innere gegen diese Rotte auf, von der er sich auf eine Stufe gestellt sah mit dem Ekel, den man anspeit, einem widerwärtigen Tier, das man aus der Menschennähe verjagt. Unter dem Druck einer solchen Demütigung und Enterbtheit fragte er sich verzagt, ob es nicht am Ende besser sei, niemals mehr in die Schule zurückzukehren, als gegen solche Menschen die Hand zu erheben, und ihre Übermacht schließlich über ihn triumphiren zu sehen. Aus seinem häufigeren Bor—sich— hin—brüten schloß Reifenberg schon, daß er doch auf seinen Standpunkt, alles über sich ergehen zu lassen, zurückkäme. Da wurde Reifenberg eines Tages zur Lösung einer mathematischen Aufgabe an die Wandtafel gerufen. Obwohl er ein ausgezeichneter Mathematiker war, konnte er, verwirrt durch das Zischen seiner Peiniger die Formel nicht entwickeln. Der Lehrer, der neben ihm gestanden hatte, bestieg, sich mit beiden Händen auf die Stirn klatschend, das Katheder: „Zu dumm, Reifenberg; Sie stellen sich an wie ein .... Setzen sich hin. Der Folgende! Während sich Reifenberg beschämt und von dem rohen Gelächter der Klasse begleitet, an seinen Platz und Gideon sich zur Tafel begab, sagte der Lehrer, indem er sich mit einem Blick über die Klasse gewissermaßen ihres Beifalls versicherte: „Nun retten Sie Jraill, Gideon!" Eine Lachsalve, mit tumultuarischen Zischen, Trampeln und Trommeln auf den Bänken, in wildem Durcheinander, war die Antwort darauf, sodaß es dem Lehrer selbst unheimlich sein mochte, solche Leidenschaften entfesselt zu haben. Blaß vor Erregung ließ Gideon Schwamm und Kreide fallen und, ehe ihn jemand hätte zurückhalten können, hatte er das Schulzimmer verlassen. In Thränen ausbrechend beschwerte er sich vor dem Rektor über die Unbilden, die ihm und seinem Glaubensgenossen schon seit langem von den Mit-