Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1900)
- Date
- 1900-11-01
- Page
- Seite 250 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ihm auf die Wandtafel; schüttete während der Pause Tinte ans seinen Sitz, um ihm die Kleider zu verderben oder steckte abgebrochene Nadeln an seinem Platz in die Banklehne, daß er sich verwundete; von den fortwährend mit ihm gesuchten Händeln, ivvbei man schaarenweise über ihn herfiel, überhaupt nicht zu reden. Reifenberg ließ sich das alles gefallen. Er wußte, hätte er sich gewehrt, so hätte er noch mehr zu erdulden gehabt. Gideon ärgerte sich über diese „Einfältigkeit", wie er es nannte und suchte ihn durch den Vorwurf der Feigheit dazu zu bringen, daß er jeden, den er fasse» konnte, dem Rektor anzeigte. Reifenberg entgegnete dann in weinerlicher Entsagung: „Es wird ja doch nicht anders." „Das möchte ich doch einmal sehen! Das ist eben das ganze Unglück: Daß wir uns nicht wehren. Dem Juden gegenüber hat der Allerfeigste noch Mut, weil er uns immer noch für feiger hält, als er ist. Solang Du ihnen nicht beweisest, daß Du dich wehren und schützen kannst, wirst Du eben von jedem Gassenjungen angespieen." „Und wenn Du einen anzeigst, verhetzt Du sie nur noch mehr." Gideon funkelte den Zauderer mit entschlossen trotzendem Blicke an: „Du kannst Dich drauf verlassen, daß der erste, der sich mir gegenüber die geringste Beleidigung erlaubt, es nicht zum zweiten Mal versucht. Jetzt mache Du, was Du willst." Reifenberg zog nur skeptisch die Brauen hoch, als wolle er sagen: ich weiß doch, was ich weiß; mach' erst einmal meine Erfahrungen. Thatsächlich batte Gideon eine leichtere Stellung in der Klasse, als er. Es hatte ihm nock keiner ein Schmähwort ins Gesicht gesagt, und er war auch, bis auf das heimiche Überlegenheitsgefühl, das jeder Christ im Grunde seines Herzens dem Juden gegenüber bewahrt, geachtet und geliebt. Er that sich in der Schule nicht hervor und bewies durch seltenes Eingehen auf die Sonderinteressen seiner Klassengeuossen, daß er keinen von ihnen brauche. Doch ließ er sich deshalb keineswegs in eine Nebenrolle drängen. Wieviel man vielmehr auf ihn hielt, zeigt sich darin, daß ihn „der tugendhafte Clemens", eines Lehrers Sohn, durchaus bekehren wollte. Wo er seiner habhaft werden konnte, nahm ihn Clemens ins Gebet und stellte ihm vor, zu welchen Würden und Ämtern er gelangen könne, >venn er sich taufen ließe, und wieviel edler auch die christliche Lehre sei. als die grimmige jüdische. „Das einzige, was Dir fehlt, ist, daß Du ein Jude bist, Gideon. Gestern auf dem Ausflug sagte noch der Primus: 's ist schade für den Gideon; der müßte eigentlich zu uns gehören; er ist wirklich ein netter Kerl." So köderte der Eiferer. Er kam aber an den Unrechten. In heftigen, blitzenden Einwänden schlug Gideon seine Phrasen ab und bewies ihm, daß die Ethik des Judentums der christlichen nichts nachgebe und daß man seinen Glauben