Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-11-01 · Heft 11 (1.11.1900) · p. Seite 244

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 11 (1.11.1900)
Date
1900-11-01
Page
Seite 244 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969879-2969891--6146-2975475
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

244 unter gebilveten Menschen sich eine so unsinnige Rede erlauben? Jedermann weiß, daß diese geschichtlichen Thaten, diese Ungeheuern Verbrechen, wenn man sie so nennen will, vollbracht worden sind durch den Willen einer kleinen Partei. Ganze Völker sind dafür nie und nirgends verantwortlich gewesen. Und so haben auch nicht die Juden, nicht die jüdischen Zeitgenossen und Landsleute Jesu, geschweige denn die damals außerhalb Judäa's wohnenden, geschweige denn die später gebornen Inden, Jesus an's Kreuz gebracht. Das hat Kaiphas und mit ihm eine kleine Clique von heuchlerischen Schriftgelehrten gethan, das haben sie durch Pilatus' Arm gethan. Eigentlich haben es gar keine Inden, sondern Römer und Römerfreunde gethan. Es ist eine häßliche Verleumdung und Ungerechtigkeit, wenn nian den Tod Jesu auf Rechnung des jüdischen Volkes setzt. Eine Quelle des Antisemitismus ist die starke Konkurrenz der Juden auf den verschiedenen Gebiete» des Handels und auch der praktischen Wissenschaften. Die Juden sind fleißig und sparsam, sie sind zu Verschwendungen und zum Trunk viel weniger geneigt als viele ihrer christlichen Nachbarn, und deshalb sind sie im Wetteifer des Handels und sogar auf dem Gebiet der praktischen Wissenschaften gefährliche Konkurrenten. Deshalb auch haßt man sie, möchte ihren Handel durch Gesetze beschränken, Zünfte schaffen, aus denen sie ausgestoßen wären, ihnen den Zngang zu allen höheren Schulen verschließen oder doch verengen. Mich wundert, daß man sich nicht schämt, mit solchen Waffen gegen Konkurrenten zu kämpfen. Wahrlich, schlimmere Waffen haben nie und nirgends die ärgsten Juden gegen ihre christlichen Konkurrenten gebraucht! Ein solches Arinuts- und Schwächezeugnis sich selbst auszustellen, hätten sie sich geschämt! Was ist noch zu sagen gegen das arme jüdische Volk? Ich glaube, man läßt sich gegen die Jude» aufhetzen, und das ist wohl auch eine Quelle des Antisemitismus — durch ererbte Triebe und Leidenschaften. Es scheint wirklich, man wird in unserer Zeit als Antisemit geboren. Unsere Väter seit Jahrhunderten, man kann sagen seit Jahrtausenden, waren Antisemiten. Der Antisemitismus steckte, wie es scheint, in ihrem Blut, in ihren Nerven, er gehörte zu ihrer Idiosynkrasie. Und so hat er sich durch die Jahrhunderte hindurch vererbt. Er ist eben eine Eigenschaft unserer tierischen Natur. Als solche müssen wir ihn erkennen und desto energischer ihn bekämpfen, ihn ausrotte». Es ist gar vieles in jedem Menschen tierisch ererbt, durch die Geburt fortgepflanzt. Der Mensch aber wird erst menschenwürdig, wenn er dieses Tierische, das er von den Vätern ererbt hat, aus seinem Besitztum austilgt und wegwirft. Wehe dem, der so bleibt, wie er geboren ist/! Nun, glaube ich, haben wir die Gründe des Antisemitismus vollständig genug erkannt und uns überzeugt, wie unvernünftig sie sind und wie wir durchaus ■ verpflichtet sind, sie aus unserm Herzen und unserm Verstände zu verbannen. i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.