Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1900)
- Date
- 1900-11-01
- Page
- Seite 243 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahrhunderten erwartete. In Jerusalem, in der „Stadt des großen Königs", hoffte Jesus selbst als Stellvertreter seines Vaters, als Messias, zu herrschen, zunächst über Israel, später vielleicht über die ganze Welt. Der Mann, der so dachte, so lehrte, so gesinnt war, der gehört doch entschieden nicht bloß zu den Juden, sondern zu den Freunden der Jude». Er ist, wenn irgend einer in der Welt es gewesen ist, ein entschiedener, leidenschaftlicher Philosemit gewesen. Nun muß man sich fragen, wenn man sich diese einfache, große geschichtliche Thatsache vergegenwärtigt: Wie ist es möglich, daß in unserer Zeit ein so beträchtlicher Teil der protestantischen Christenheit, auch in nnserm so hochgebildeten Deutschland, entschieden antisemitisch ist, daß es in der protestantischen Christenheit Deutschlands möglich war, eine Liga, einen Bund von Antisemiten zu gründen, zu verbreiten, zu erhalten, jahrelang eine antisemitische Agitation mit glücklichem Erfolg zu betreiben? Diese Frage habe ich mir gestellt, und ich glaube eine ziemlich vollständige Antwort darauf gesunden zu haben. Der Antisemitismus hat verschiedene Ursachen und Quellen- Erstens eine große Unkenntnis des allein wirklichen, des geschichtlichen Jesus. Alles, was ich euch jetzt von Jesu in Erinnerung gebracht, was ich gar oft schon hier gesagt und ausführlich begründet habe, — alles das ist immer noch für die meisten sunserer Mitchristen unbekannt und unklar. Der wirkliche Jesus, Jesus wie er geleibt und gelebt hat, ist den Augen der Christenheit schon seit Jahrhunderten, ja man kann sagen schon seit achtzehn Jahrhunderten entschwunden. In seinen Worten lebt er, da kann man ihn entdecken, wenn man Augen hat zu sehen und sehe» will. Aber nur Wenigen ist da sein Bild klar geworden. Und wenn er wiederkäme, so wie er gelebt hat — nun, das hat man ja schon gar oft gesagt — so würde man ihn aus der Christenheit verbannen- Wenn die frommen, die kirchlich gläubigen Antisemiten — und diese sind ja die eifrigsten in der antisemitischen Liga — wenn sie eine geschichtliche Kenntnis von Jesu hätten, wenn sie das von ihm wüßten, was ich heute wieder von ihm hier gesagt habe, sie würden mit sich selbst in einen unerträglichen Conflikt geraten. Sie würden sich vor die bange Wahl gestellt sehen: entweder auf ihren lieben Heiland Jesus oder auf ihren christlichen Judenhaß zu verzichten. Aber diese Wahl stellt sich ihnen nicht, weil sie Jesus nicht kennen. Diese ihre Unwissenheit ist eine Quelle des Antisemitismus.- Eine Quelle des Antisemitismus ist wohl das, was man sagt von der religiösen Schuld dieses Volkes. Sie haben Jesus gekreuzigt, das sagt man immer noch, das sagen selbst berühmte, ich will sagen, berüchtigte, Prediger der protestantischen. Kirche Deutschlands. Eine wunderliche Rede, wahrlich! Niemand hat jemals von den Griechen gesagt: Sie haben Sokrates vergiftet, oder von den Engländern: Sie haben Karl I. auf das Schaffst gebracht, oder von den Franzosen: Sie haben mit den Septembermetzeleien sich besudelt. Wer kann denn