Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1900)
- Date
- 1900-11-01
- Page
- Seite 242 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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m Das Erste, was ich hier bemerken will, ist, was wir in unserm heutigen Text gelesen haben, nämlich: daß Jesus nicht ein Antisemit, sondern ein Philosemit, nicht ein Feind, sondern ein Freund der Juden war. Der Hauptmann von Kapernaum, so wird uns erzählt, hatte einen Sklaven, den er wert hielt. Er hatte gehört, daß Jesus Schwerkranke wunderbar heilte. Deshalb schickte er zu dem weltberühmten Rabbi Jesu die Vorsteher der jüdischen Gemeinde und ließ ihn bitten, zu ihm, dem Heiden, dem römischen Offizier kommen zu wollen, um den totkranken Sklaven zu heilen. Zur Unterstützung dieser Bitte, zur Empfehlung des Hauptmanns, wissen die Synagogenvorsteher nichts Wirksameres zu sagen, als was wir gelesen haben: „Der Mann ist wert, daß du ihm das gewährest, denn er hat unser Volk, das jüdische Volk lieb, und die Synagoge hat er uns erbaut". Hört doch, ihr Antisemiten! Sind das nicht sehr merkwürdige Worte? Dem Herrn Jesu, eurem Heiland, empfiehlt man einen Heiden als einen Freund des jüdischen Volkes, als einen Mann, der den Juden in Kapernaum eine Synagoge erbaut hat! In welchem Gegensatz steht doch dieser Mann zu vielen Christen früherer — nicht ganz vergangener — Zeiten, die da wähnten, daß sie sich bei Christus ein besonderes Verdienst erwürben, wenn sie den Juden ihre Synagogen niederrissen, verbrannten, und auf den Trümmern einige Juden niedermetzelten!- Er war ja ein geborener Jude, wie Luther auf dem Titelblatt einer seiner lesenswertesten Schriften es sagte: „Daß unser Herr Jesus ein geborner Jud gewesen ist". Das kann man doch nicht leugnen. Und als ein geborner Jude war er auch ein lebendiges Glied an: Körper des jüdischen Volkes, mit dem Ganzen auch geistig, auch durch Liebe verbunden. Er hielt Israel für das auserwählte Volk seines himmlischen Vaters. Sein Gott, der himmlische Vater, der Gott, den er selbst anbetete und anbeten lehrte, war für ihn, wie er ihn manchmal nennt, „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs", und aller israelitischen Propheten. Sein Gott war der eigentliche Vater, zunächst nicht aller Völker, sondern Israels zuerst. Seinen Willen hatte dieser Gott, nach Jesu Überzeugung, ausgesprochen in den Schriften des Alten Testaments, „im Gesetz, in den Propheten und in den Psalmen". Wenn man Jesus fragte, welche Gebote man zu beobachten habe, um des ewigen Lebens teilhaft zu werden, verwies er nicht auf neue, von ihm erst entdeckte Gebote, sondern auf die alten, schon in den Büchern Mose geschriebenen: „Ehre Vater und Mutter, du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, kein falsches Zeugnis reden, dich nicht gelüsten lassen, liebe Gott von ganzem Herzen, deinen Nächsten wie dich selbst" — alles Worte, die da geschrieben stehen im Gesetze Mose's. Der Gott Jesu war der Vater Israels; das Gesetz Jesu war das Gesetz Israels; das Erbauungsbuch Jesu war die Bibel Israels, und das Reich, dessen Gründung Jesus in der ersten Zeit seiner Lehrthntigkeit selbst zu erleben, später durch sein Blut zu erkaufen hoffte, es war das Reich, von dem die Propheten Israels seit Jahrhunderten schon geweiffagt hatten, das Israel feit