Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 228 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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228 wie tief erschüttert würde sich jeder in seinem Innern fühle», wenn diese herrlichen Gebete von und aus allen Herzen gingen. Es brauchte sich dann niemand zu fragen, ist denn auch wein Gebet zu dem Ewigen gedrungen, hat es denn auch die heilsame Wirkung gehabt, die ich mir davon versprach; denn es würde sich jeder beim Heraustreten aus dem Gotteshaus so kräftig erhoben, so sanft gerührt, so hoch versetzt über allen irdischen Tand fühlen nnd so ermutigt zur Erfüllung eines jeden guten Vorsatzes, daß er sich mit freudiger Ueberraschnng bereits im Besitz derjenigen Seelenruhe nnd der stillen Heiterkeit sehen wird, um die er seinen Schöpfer anflehte. Heiterkeit und Seelenruhe sind Alles, was uns die Vernunft zu wünschen rät und gebietet, und sie sind unfehlbare Früchte der Buße und des Gebetes, und unsere Religion hat uns diese Wahrheit dadurch versinnlicht, daß sie das Freudenfest der Lauberhütten unmittelbar auf die zehn Tage der Buße und der Andacht folgen läßt. Soll indessen unsere wieder hergestellte Seelenruhe von Dauer sein und sich auf eine gegründete Zufriedenheit mit uns selbst stützen, so muß sich zu der Buße und dem Gebete noch ein Drittes gesellen, das Wohlthun. Sv sagte auch Daniel zu dem beunruhigten Nebnkadnezar: Deine Sündenlast wirf durch Wohlthun ab. Soll ich Euch, m. L., die Ausübung dieser Tugend ans Herz zu legen suchen? Dies wird wohl nicht nötig sei»; denn die Dankgebete der Armen und Notleidenden, die täglich sich für das Wohl unserer Gemeinde zum Himmel erheben, verkünden laut, daß Wohlthun uns noch immer Bedürfnis ist. Gebe nur Gott, daß die Bedürfnisse, welche Weichlichkeit und ein üppiges Leben erzeugen, nicht dergestalt die Oberhand gewinnen, daß jenes edlere Bedürfnis unbefriedigt bleiben muß! Wenn wir überdenken und uns fragen, wodurch wir denn wohl den Segen verdienen mögen, mit dem uns die göttliche Huld überschüttet, so werden wir vielleicht nichts anderes finden, als den wohlthätigen Sinn, der sich noch bei uns als Erbtugend erhalten hat; wir wären also doppelt strafbar, wenn gerade dieser Segen den wohlthätigen Sinn in uns ersticken sollte. Durch Buße und Gebet sicheren wir unser ewiges, durch Wohlthun zugleich unser zeitliches Heil und diese drei Mittel vereint werden gewiß nicht verfehlen, uns angenehm in den Augen Gottes und der Menschen zu machen. Es war ehemals eine starke Uebungsfrage für die, welche die Religionslehre zum Tummelplatz ihres Schulwitzes machten, wie es sich denn mit der göttlichen Gerechtigkeit vertrage, daß man durch Buße, Gebete und Wohlthun die Verzeihung seiner Sünde erhalten könne. So weit wollen wir uns nicht versteigen! Für uns sei genug, daß er uns bei anfrichtiger Reue Verzeihung zugesichert hat. So wahr ich lebe, spricht Gott durch seinen Propheten, daß es mir nicht lieb ist, wenn der Frevler stirbt, sondern wenn er von seinem Wandel abläßt und leben bleibt. Warum sollte auch Gott die Menschen mit unerbittlicher Strenge richten? Er ist ja ihr Schöpfer, kennt ihr Gemüt und weiß, daß ihr Leib, das Werkzeug und die Quelle ihrer Sünden nur Fleisch und Blut ist, dem Staube entzogen und zum Staube bestimmt. Wir fehlen zwar alle, aber