Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 227 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 227 — u>te viel Du ihm verdankst, und wie sehr Du seines Beistandes bedarfst, um gut und glücklich zu sein, daß Du durch die großen Weltereiguisse und Deine eigene Erfahrung zur Ueberzeugung gelangt bist, daß alle irdischen Dinge unter der Obhut seiner väterlichen Fürsorge stehen, ich will zugebcn, daß Dn auf Deinem stillen Lager oft des Todes eingedenk bist, und erkennest, daß Dein Ich nichts anderes sei als deine unsterbliche Seele, die erst nach deinem einstigen Hintritte recht zu leben beginnt, daß Du überhaupt sehr wohl wissest, woher Dn kommst, wohin Du zu gehn hast und welchem Richter Du Rechenschaft geben mußt, jedoch diese Einsichten sind nichts mehr als ein toter Brennstoff, der der Flamme bedarf, wenn er Dich kräftig anregen und zu Thaten unspornen soll. Wahrheiten, die heute lebendig vor Deinem Geiste stehn, können, beim Drange der Weltgeschäfte und unter Deinen Bestrebungen zur Beförderung deines zeitlichen Wohls, allmählig Deiner Seele entweichen, und was Dir jetzt eine »»bestreitbare Wahrheit scheint kann Dir nach Kurzem als eine gewagte Behauptung Vorkommen, wenn Du nicht deine erlangten Ueberzeugungen durch Belehrung und Andacht festzuhalten suchst. Den Gefühlen ist noch weniger Beharrlichkeit znzutrauen als den Meinungen. Zu unsrem Glücke hat uns Gott so geschaffen, daß keine starke Empfindung lange in unsrer Seele veriveilt, weil wir sonst den Verdrießlichkeiten, die uns im Leben treffen, unterliegen müßten; fühlst Du also, daß dein Herz von warmer Liebe für seinen Schöpfer schlägt, so biete ja alles auf, daß eine so heilige. Flamme nicht in Dir erlösche, welches gewiß geschehen wird, wenn Du sie nicht durch Gebet und fromme Uebungcn unterhälst. Gesetzt aber auch, wir wären alle nnserer gewiß, und wir fühlten alle frommen Gesinnungen so tief in unserm Herzen eingewurzelt, daß sie nicht anders aufhören könnten als mit uns selbst, haben wir denn auch von unsern Kindern dieselbe Ueberzeugung? sind wir so sicher, daß nicht der Leichtsinn und die flache Denkweise, welche die Welt beherrschen, auch sie ergreifen werden und alle ernsten Gedanken aus ihrer Seele bannen? sollten wir nicht die Pflicht haben, sie durch unser Beispiel zu einer geregelten Gottesverehrung anzuhalten. Wir lassen unsere Kinder in so vielen Dingen unterrichten, könnten wir sie doch auch das Beten lehren, Beten ivie es geiviß zum Throne des allmächtigen dringt, ans vollem Herzen, mit demütigem Sinne und uneigennützigem Wünschen. Wahrlich so gar leicht ist dies doch nicht für jedermann, und die, welche unsere schöne Gebetsammlung angeordnet, haben wohl gesuhlt, wie nötig es sei, auch hierin unsrer Schwäche nachzuhelfen. Keiner hat sich zu schämen, dieses Gebetbuch zur Hand zu nehmen. Leset das Gebet des heutigen Festes, leset es noch einmal, die Ihr es in der fremden Sprache nicht verstanden habet, in der Euch verständlichen, und gestehet dann aufrichtig, daß Ihr nicht durch eigenes Nachdenken vermocht hättet, die Hanptlehren unserer Religion, deren Anerkennung und Beherzigung den Israeliten Not thut, Versöhnung, Vergeltung und Offenbarung so klar zu entwickeln, so klar durch Stellen aus der heiligen Schrift zu beweisen und so eindringlich ans Herz zu legen. Wie mächtig müßte eine Gemeinde ergriffen werden,