Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 225 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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225 bedeckt? wieder andre wähnten durch gehäufte äußerliche Ausübung der Ritualgesetze Ansprüche auf die göttliche Gnade zu erhalten, da läßt ihnen aber auch Gott verkünden: Sieh, ich habe diesem Volke Gesetze gegeben, die ihm nicht gut thun, d. h. die Gesetze nützen ihm nichts, weil es sie, die blos ein Mittel sein können, das zur Tugend und zur Frömmigkeit führt, für den Zweck selbst hält und so nur die Schale hält und den Kern wegwirft. Und als die Israeliten erfuhren, daß sie weder durch Opfer, noch durch Kasteiungen, noch durch geistlose Ausübung der Gebote ihrem himmlischen Richter sich günstig machen konnten, fragten sie den Propheten: Mit was soll ich denn aber dem Zorne Gottes zuvorkommen, und wodurch dem, welcher in den Sternen thronet meine Unterwürfigkeit zeigen? soll ich etwa meinen erstgeborenen Sohn für meine Missethat opfern, meine Leibesfrucht auf den Altar bringen, um meine Sünden zu büßen? Darauf antwortet dex Prophet: Nichts von alldem! Es ist Dir gesagt worden, was der Herr Dein Gott von Dir verlangt: Gerechtigkeit, Menschenliebe und einen bescheidenen Lebenswandel vor dem Herrn Deinem Gott. Wer von uns, m. L., sich bewußt ist, gerecht, liebreich und bescheiden zu sein, der braucht weder heute, noch das ganze Jahr, noch einst auf seinem Sterbebette vor dem göttlichen Gerichte zu zittern; denn seine Frömmigkeit geht ihm voran und die Herrlichkeit Gottes nimmt ihn auf. Bist Du Dir aber bewußt, daß Geiz und Habsucht deine Seele gefangen halten und Dich zu ungerechten Handlungen antreiben, oder daß du gegen Deinen leidenden Bruder hart und fühllos bist, oder daß du, Deines himmlischen Vaters vergessend stolz auf Deine eigene Kraft pochtest und Dich - selbst für den Schöpfer deines Glückes hieltest, so erbebe vor dem göttlichen Zorne! Es wird Dir wenig nützen schneeweißes Geflügel um Dein Haupt zu schwingen und es als ein Sühnopfer abschlachten zu lassen, wenn deine Seele von Schuld befleckt ist, vergeblich wirst du suchen durch Worte und Geberden Deine Sünden in die Fluten zu versenken, denn wo Du hingehst begleitet Dich Deine Schuld. Wollet Ihr den himmlischen Vater besänftigen, wollet Ihr gar der schon verhängten Züchtigung entrinnen, so eilet die wahren, untrüglichen Versöhnungsmittel anzuwenden, welche die Religion anrät und forschet nach dem Herrn an diesen heiligen Tagen, da er Euch gegenwärtig ist, rufet ihn an, da er Euch nahe ist. Durch drei Mittel, die gleichzeitig angewendet werden müssen, kann der Sünder hoffen und mit Vertrauen erwarten, daß ihm Gott seine Sünden erlassen werde durch Buße, Gebet und Wohlthun. Buße, m. L., ist ein untrüglicher Schlüssel zu den Pforten des Himmels, denn sie giebt dem reuigen Sünder ein Verdienst, das selbst die Frommen nicht besitzen, die nie gestrauchelt sind, das Verdienst einer tiefgefühlten Wehmut, welche das Bewußtsein begangener Fehler erzeugt. Und man glaube ja nicht, daß Buße eine gar so schwere Sache sei, mit Entsagungen verbunden, die eine übermenschliche Kraft erfordern und mit Verzichtleistung auf alle Freuden der Erde! Wer mit inneren Schmerz seine Sünden erkennt, den festen Vorsatz fasset, sie in der Zukunft zu unterlassen und alle