Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 224 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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224 zu versinken Gefahr läuft. Doch würde es wohl selbst einem Esra schiver fallen unfern Leichtsinn zu bekämpfen und uns für die Ergießungen seines frommen Herzens empfänglich zu machen. Er hatte mit Menschen zu thun, die von einer langwierigen harten Gefangenschaft zurückkehrtew deren Kindheit schon mit Thränen unsäglichen Elendes gesättigt war, und denen es kaum von einem hohnsprechenden Feinde vergönnt wurde an den Flüssen Babylons dem Andenken ihrer erloschenen Herrlichkeit einige Thränen zu widmen- Wir aber genießen gedankenlos den reichen Segen, womit uns so unverdient die göttliche Huld überschüttet und glauben in törichtem Eigendünkel, es müsse so sein und könne nie anders werden. Mau würde wohl zu ihm strömen, um ihn anzuhören, aber nicht in der Absicht seine Lehren zu beherzigen, sondern zu prüfen, ob seine Sätze die gehörige Rundung haben und er in seinem Vortrag den rechten Ton zu treffen wisse. Lasset doch, m. L., diese kleinlichen Gedanken, erwachet vom betäubenden Schlafe, raffet Euch auf vom Lager der Sorglosigkeit und bedenket, daß Ihr sterben und dann vor dem Richterstuhl des Königs des Weltalls von jeder Euerer Thaten Rechenschaft ablegen müsset! Habet Ihr ihn gehört den Klang der Pasaune? er ist ein Sinnbild des aufgeregten Gewissens und dazu bestimmt jedem das Fehlerhafte seines Lebenswandels ins Bewußtsein zu bringen, weshalb auch das heutige Fest der Gedächtnistag heißt und in diesem Sinne sagte auch Gott zum Propheten Jesaias: Erhebe Deine Stimme wie eine Posaune und verkünde meinem Volke seine Missethaten und dem Hause Jacob seine Sünden. Ja wir sind alle schuldig und unsre Seelenkrankheiten sind um so gefährlicher, da wir sie entweder gar nicht kennen, oder sie nicht empfiudlich fühlen. Darum wollen wir, m. L., die Stunde, die mir hier zusammen sind, dazu benutzen, die Heiligkeit des heutigen Tages recht zu überdenken, damit derPosaunenschall nicht ganz wirkungslos an unserm Ohre vorüber gehe und wir wenigstens von seiner Bedeutung eine klare Anschauung erhalten. Wahrlich der Tag ist hehr und erhaben! Gott will, daß wir uns heute an ihn nicht blos als an einen liebenden Vater, sondern auch als an einen strengen Richter wenden, an einen Richter» dem man die Wahrheit nicht vorenthalten kann, denn alles liegt vor dem klar, der mit einem einzigen Blick die Gegenwart, die Vergangenheit und die Zukunft überschaut, mit seinem aüsehenden Auge in die verborgensten Gemächer der menschlichen Seele bringt und unsere Gedanken und Entwürfe kennt, ehe sie Gestalt angenonnnen haben, an einen Richter, dessen Gunst durch keine Art von Bestechung zu gewinnen ist, denn ihm ist die Erde und was sie erfüllet, das Weltall und seine Bewohner. Die alten Israeliten wollten Gott durch das Blut der Opferthiere bestechen, da sagte er ihnen durch seinen Propheten: Hat denn Gott Wohlgefallen an Tausenden von Widdern, an Myriaden von Oelbächen; andre hofften durch Fasten und andre körperliche Kasteiungen sein Wohlgefallen zu erhalten, da sagt er: ist denn das ein Fastag, den ich verlange, ein Tag, an dem der Mensch seinen Leib peinigt, seinen Kopf wie Schilf beugt und sich mit Haarkleid und Asche