Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 221 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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221 alles gesellschaftliche Leben beherrscht haben." Schonungslos wird den verschuldeten Bauern der Boden entrissen und zu Latifundien angehäuft, ein imnier größerer Teil des Volkes gerät in Schuldknechtschaft. „Um Geld wird der Gerechte verkauft und der Arme um ein Paar Schuhe." Die Redlichkeit im geschäftlichen Leben, Echtheit der Waaren und Richtigkeit der Maße lassen bedenklich nach. Wie aber wäre dies alles'möglich, wenn die mosaischen Gesetze nicht mit dem Herzen, sondern auch nur ganz äußerlich und wörtlich befolgt würden? Faktisch hatte man längst aufgehört, sie zu erfüllen, und die Klagen der Propheten richten sich weniger gegen das Volk, das sich leicht den allgemein herrschenden Sitten und Unsitten unterwirft, als gegen die leitenden Männer, Könige und Fürsten, Priester und Richter. Das Übel ging ja von oben aus — nicht int Staate herrscht die Krankheit, sondern der Staat selbst als Ganzes ist krank, nicht Unrecht wird im Lande geübt, sondern Unrecht officiell für Recht ansgegeben, nicht nur Frömmigkeit herrscht nicht im Lande, sondern, die fromm heißen, sind die ärgsten Sünder. Für das despotische Gebühren der meisten Könige charakteristisch ist schon der Fall Uria unter König David und die Erzählung vom Weinberg des Naboth. Die Regenten und Fürsten sind mit den Ausbeutern des Volkes solidarisch, ihr eigenes üppiges Leben ist mit matlcheu Ungerechtigkeiten innig verknüpft, die Anhäufung des Grundbesitzes macht eine gewohnheitsrechtliche Aufhebung der alten Gesetze vom Erlaßjahre und eine laxere Auffassung von Seiten der reichlich entlohnten Richter notwendig. Die alten, auf die Freiheit der Person gerichteten Satzungen, sind gänzlich vergessen. Die einzige Thätigkeit, die die Propheten dagegen entfalten, ist das grelle Vorzeigen der Sündhaftigkeit denen, die ihre Schuld noch empfinden, für die Verstockten die Strafandrohnng in furchtbar tragischer Ironie verkünden die Propheten die Wendung des Schicksals gerade darin, ivori» sich die Leute am sichersten fühlen — und für sich selbst und die wenigen, die eine Zukunft bedeuten, die Verkündung von Idealen. Selbstverständlich sind solche Schilderungen eines „Zukunftsstaates" — außer etwa in der mehr malerischphantastisch als ivörtlich zu nehmenden Verkündung des Ezechiel — keine ins Detail gehenden, in Oberflächlichkeiten sich ergehenden — sie sind reine Poesie und offenbaren dem gegenwärtigen Zeitalter das Kommende, über dessen Realität man sich doch keine Vorstellung machen kann, nur in seinem inneren, zum Gefühl sprechenden Wesen. Es gibt fast keinen Propheten, der nicht von jener Zeit des Wiedererwachens spräche, das gleichzeitig eine Neugeburt Israels, eine Vervollkommnung der Menschheit und Entstehung eines idyllischen Friedens genannt wird. Die Grundlage solcher Ideen aber bildet die Ueberzeugung der Propheten von der Gleichheit aller Menschen, die sie zuerst der Menschheit gebracht haben, und von der Fortentwicklung der Völker und ihrer Gesittung. Nachdem so der Inhalt des Werkes in Kürze dargelegt ist, muß auch noch auf die ivenigen Schwächen hingewiesen werden, die mehr in der Tendenz des