Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1900)
- Date
- 1900-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Es ist merkwürdig, daß die Regierung Salomos das Land am meisten bereicherte und daß er andererseits zuerst eine regelmäßige Steuer einführte, — übrigens deutet die Volkszählung unter König David wenigstens auf die Absicht einer Besteuerung — daß aber diese Regierung auch gleichzeitig den herrlichen Tempel baute und zuerst heidnisches Wesen ins Land dringen ließ. Wir können unmöglich auf die einzelnen Ausführungen näher eingehen, da die Stellung der Propheten zu diesen Verhältnissen Cardinalpunkt des Ganzen ist. Die Thätigkeit der Propheten ist vor allem keine praktisch politische. Sie stellen die sittlichen und die socialen Uebelstände als sittliche in grellen Farben dar und erklären nicht Verhältnisse und ein abstraktes Milieu für schuldig, sondern machen alle einzelnen Menschen für ihr Thun verantwortlich. Darin liegt ihre große Strenge aber auch ihr Optimismus, mdem sie die Besserungsfähigkeit aller Menschen betonen- So geben sie auch keine, weder reformische noch revolutionäre Mittel an zur Hebung der Uebelstände, welche sie geißeln, während es ihnen an Kraft und Mut gewiß nicht mangelt, sondern sie wenden sich an die Hauptwurzeln des sozialen Lebens, an den Willen des Menschen, sie fordern Umkehr vor allem von den Führern des Volkes und stellen für das Staatsleben Ideale auf. Die Thatsachen, die uns in den Klagen der Propheten enthüllt werden, müssen gar traurige gewesen sein. Nicht einzelne Schäden, sondern eine allgemeine Sittenverderbnis, allgemein in Bezug auf die Verschiedenheit der Gebrechen, allgemein in Bezug auf die verschiedenen Schichten des Volkes, rollt sich vor unseren Augen auf. Vom Hofe und den höchsten Ständen drang ein Wohlleben ins ganze Volk, das zum raffiniertesten Genuß und zur rohesten Völlerei und Trunksucht, entartete. Aller Sinn für etwas Höheres geht verloren, in cynischer Selbstzufriedenheit weisen die Sünder gegenüber den Drohungen der Propheten auf ihr immer wachsendes Glück hin. Trunksucht und lasterhaftes Leben, worin Israel selbst den Babyloniern kaum nachsteht, ergreifen die Frauen und selbst die Priester, Propheten finden kein Gehör, weil man lieber auf die falschen Seher hört, die den Gewohnheiten des Volkes schmeicheln, und auf die behäbigen Diener Gottes, die stets sprechen: „Friede, Friede, wo kein Friede ist." Für den Luxus der Kleidung charakteristisch ist die Toiletteschilderung der Töchter Zions bei Jesaias, (3. Kap.) die unserer Phantasie schwere Aufgaben stellt. Aber auch um die Reinheit der Ehe und Familie, das köstlichste Gut Israels, steht es überaus schlecht. „Alle sind Ehebrecher" ruft Jeremias aus und Amos, der Hirte, donnert gegen „Jakobs Hoffart" in all ihren einzelnen Zügen. Die immer mehr einreißende Gewinnsucht schwächt das Rechtsgefühl gewaltig. Gust. Schmoller charakterisiert den entsittlichenden Einfluß des gesteigerten Handelsgeistes: „Aller Handel erzeugt ein ganz anderes Verhältnis zu den Menschen, mit welchen Geschäfte gemacht werden; der andere, von dem gekauft, an den verkauft wird, rückt in eine gleichgiltige, abstrakte Ferne; es entstehen zwischen Käufer und Verkäufer nicht die notwendig sittlichen Bande, welche bisher