Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1900)
- Date
- 1900-09-01
- Page
- Seite 205 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969889--6100-2975427- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
205 Leben knickte. Eine Gattin und drei Kinder beklagen den, der treu für ste gesorgt; eine grobe Gemeinde klagt um ihn, der mit Energie und klarem Verstand seine Vaterstadt in der Zeit der kräftigsten Entwicklung mächtig fördern half. Auch das Vaterland verliert in ihm einen Bürger, der weit über den Rahmen der gewöhnlichen Bürgerpflicht hinaus für Handel und Gewerbe in der Handelskammer thätig war und als Handelsrichter eine hoch ersprießliche Thätigkeit entfaltete. Seine beiden hervorragendsten Tugenden. Überzeugungstreue und Duldsamkeit, erwarben ihm im öffentlichen wie im privaten Wirken bei Freunden und Gegnern hohe Achtung. Seine Thaten und Werke dauern fort und im Goldenen Buche der Stadt, in dem die besten Bürger eingezeichnet sind, wird und darf auch Reichenbergers Name nicht fehlen. Nach dem üblichen Gebete bewegte sich dann der Trauerzug nach dem Grabe. Dort legte Kommerzienrat Weidert im Namen der Handels- und Gewerbekammer für Oberbayern einen Kranz nieder mit den Worten: „Eine lange Reihe von Jahren hast Du uns treue und ersprießliche Dienste geleistet. Aber auch weitere Kreise werden durch Deinen Tod in tiefe Trauer versetzt. In unsere Reihen riß Dein Tod eine Lücke, die nur schwer ausgefüllt werden kann. Deine außergewöhnliche Begabung, Deine vorzüglichen Eigenschaften des Geistes und Charakters, verbunden mit seltener Pflichttreue, verschafften Dir das Vertrauen der Handels- und Gewerbekammer in hohem Maße. Dein Bestreben, die uns anvertrauten Interessen nach bestem Wissen und Können zu fördern, hinderte Dich niemals, die Auffassung Andersdenkender zu achten, und es war Dir auf diese Weise gegeben, die Liebe Aller, die Dir Mitarbeiter waren, zu gewinnen. Die Mitglieder der Handels- und Gewerbekammer werden dem allzu früh Verstorbenen allezeit ein ehrendes Andenken bewahren. Friede seiner Asche!" Rektor Dr. Ritz legte im Namen der städtischen Handelsschule einen Kranz nieder und gedachte der Verdienste, die der Verstorbene als Verwaltungsrat dieser Schule sich erworben hatte. Das Lehrerkollegium werde seiner Ratschläge gerne gedenken und ihm stets ein Andenken der Liebe und Verehrung bewahren. Inspektor Rudelsberger, der Vorstand der Simultanschule II, rühmte des Verstorbenen Verdienste um die Simultanschule und um die Lehrerschaft und widmete eine prächtige Blumenspende dem wohlwollenden Verwaltungsrate der Simultanschule, für die er nur zu frühe dahingegangen. Justizrat Kraußold legte im Namen des liberalen Vereins Frei-München dem liberalen Mitbürger und dem Kämpfer für die liberale Sache einen Kranz auf das offene Grab. Gemeindebevollmächtigter Schön widmete dem treuen Mitarbeiter und Freund der liberalen Sache Namens des Vereins liberaler Wähler den Kranz, den er sich als Kämpfer für den Liberalismus in politisch schwerer Zeit verdient. Er werde dem Verein liberaler Wähler stets ein leuchtendes Vorbild sein. Im Namen des israelitischen Frauenvereins legte Rechtsanwalt Dr. Ofner einen Strauß blühender Blumen auf das Grab dessen, der über der Arbeit für das öffentliche Wohl und für die eigene Sache auch der Armen nicht vergaß und für die Linderung der Not und des Elends armer Mitbrüder als langjähriges Vorstandsmitglied des Vereins wirkte. Dann drängten sich die Freunde des Verstorbenen an das Grab, um ihm den letzten Liebesdienst zu erweisen. Ernst und schweigend löste sich darauf die Trauerversamm' lung auf und verließ das Grab des Mannes, der in dem Andenken der Stadt München und ihrer Bürgerschaft noch lange fortleben wird." Wie sich die beiden städtischen Vertretungskörper zu Reichenberger's Hinscheiden verhielten, zeigt die Kundgebung in der Sitzung der Gemeindebevollmächtigten vom 20. Juni und die in derjenigen des Magistrats am 19. Juni.