Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1900)
- Date
- 1900-09-01
- Page
- Seite 203 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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203 derartige Beispiele ziemlich selten sind und dann weil sie zum Muster beim rastlosen Aufwärtssteigen zum Trost bei den unvermeidlichen Niederlagen und Schicksalsschlägen, in den Annalen des deutschen Judentums weit eher verzeichnet werden sollten als viele unwichtige Zufallsbegebenheiten, wie sie Monographieen vom Schlage der „Geschichte der deutschen Juden" (1899) Adolf Kohut's oder auch S. Bernfeld's „Juden und Judentum im 19. Jahrhundert" (1898) verzeichnen. Es kommt dabei offen gestanden, eigentlich blutwenig darauf an, ob der betreffende Sieger im „Kampf ums Dasein" ein sogenannter guter Jude, ob er fromm, orthodox oder „modern" ist — die Thatsache, daß er trotz seiner Eigenschaft als „mosaisch" die allgemeinen Schwierigkeiten in die Höhe zu kommen neben den besondern des Israeliten überwunden hat, genügt als bemerkbares, historisch wie praktisch wichtiges Faktum. Auch muß durch Festhalten des Lebens und Schaffens solcher Männer an geeignetem Flecke Ersatz dafür gewonnen werden, weil anderwärts jüdische Biographieen zu kurz kommen. Eine Persönlichkeit, deren Tod solche Gedanken wachruft, ist der am Frühmorgen des 15. Juni zu München verstorbene Louis Reichenberger. Seine Stellung im öffentlichen Leben der immer rascher emporblühenden Metropole Süddeutschlands wuchs von Jahr zu Jahr und sie erfordert es heute sein Leben wie seine Verdienste genauer zu betrachten. Damit uns aber Niemand voreingenommen schelte oder die Lobsprüche, die man dem Verblichenen erteilen muß, übertrieben bez. panegyrisch nenne, entlehnen wir die sämtlichen bezüglichen Daten aus den öffentlichen Kundgebungen, die unmittelbar auf den Tod folgten und mit Ausnahme der priesterlichen Leichenrede und der Worte, die der Vertreter des „Israelitischen Frauenvereins" sprach, von christlicher Zunge oder Feder kamen- Das leitende Münchner und bayerische Blatt, die „Münchner Neuesten Nachrichten", die gewiß, wenn man ihre entschiedene Parteinahme für den deutschen Radikalismus Österreichs, ihre strikte Wiedergabe antisemitischer Aussprengungen bezüglich Polna, Könitz u. a. in Betracht zieht, ganz zu Unrecht vielfach in philosemitischem Gerüche stehen, schrieben schon am Abende des Sterbetages: „Heute Nacht um 2'/» Uhr ist Herr Kommerzienrat, Magistratsrat und Handelsrichter Louis Reichenberger einem langwierigen, äußerst schmerzhaften Leiden erlegen- Der Tod war für ihn nach mehreren Operationen eine Erlösung. Mit Louis Reichenberger scheidet ein Münchner Bürger aus unserer Mittender sich um das Gemeinwesen unserer Stadt die größten Verdienste erworben hat, der mit nie rastender Arbeitsfreudigkeit, einem selten zu findenden Thütigkeitstrieb und, was wir besonders hervorheben wollen, mit einer Fülle von Kenntnissen auf den verschiedensten Gebieten des öffentlichen Lebens für Münchens gedeihliche Weiter-Entwickelung gewirkt und geschafft hat — wie Wenige- Er war ein durchaus rechtschaffener Charakter, ein Mann, der bei aller Uberzeugungstreue auch stets ein Verständnis für politische und sachliche Gegnerschaft besaß und mit der Energie, die eine geklärte und gefestigte Lebensanschauung verleiht, stets die größte Nachsicht und Toleranz zu verbinden wußte. Deshalb hat er bei seinen Parteigenoffen wie bei seinen politischen Gegnern stets die größte Hochachtung und Wertschätzung erfahren. Seit dem Jahre 1891