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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1900-09-01 · Heft 9 (1.9.1900) · p. Seite 196

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
20 (1900)
Issue
Heft 9 (1.9.1900)
Date
1900-09-01
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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5-w'«Xhv-4t «^v Tvr . — 196 — alterlicher Barbarei geschmolzen und die Nebel einer unantastbaren Autorität verscheucht. Der Jude endlich auch als Mensch anerkannt, trat aus seiner isolierten Stellung hervor und sah mit Entsetzen, welch' unwürdigen Platz er bis jetzt eingenommen; eine mehr und mehr sich verbreitende Humanität ließ es ihn merken, daß auch ihm ein Teil am Leben der bürgerlichen Gesellschaft gebühre, und da fühlte er sich beengt, da fühlte er erst recht die Verachtung, die Jahrhunderte hindurch ihn niedergedrückt, an die er zur Schande der Menschheit bereits so gewöhnt war, daß er sich ohne diese Verachtung kaum zu denken vermochte. Und da eine einmal sich Bahn brechende Idee es verachtet, nur einseitig sich geltend zu machen, da eine solche Idee in ihrer geistigen Allgewalt das ganze Leben in allen seinen Beziehungen bis ins Einzelne zu durchdringen sucht, und nimmermehr ruhen kann bis sie Alles durchdrungen, so machte sich auch bald in Sachen der Religion ein freies Princip geltend, und die menschliche Vernunft, die sich ihres göttlichen Ursprungs und ihrer göttlichen Befähigung bewußt wurde, bewegte sich nun mit mehr Freiheit auf einem Gebiete, das sie bis jetzt als ein unantastbares zu betrachten gewohnt war. Durch den Conflikt in welchen die äußere Form des religiösen Bewußtseins mit der Außenwelt kam, die sofort auch für den Israeliten sich zu erschließen begann, ward man veranlaßt über Äußerlichkeiten der Religion nachzudenken, man begann zu ahnen wie mächtig der Zeit-Charakter allen Erscheinungen selbst im Gebiete des menschlichen Geistes, das über Erwarten größer sich zeigte als man geglaubt, seinen Stempel aufdrückt, man fing an Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden und der Gedanke daß die Form nicht an und für sich Zweck sondern blos Mittel sei, in welchem ein geistiger Inhalt in die sinnliche Erscheinung tritt, jener Inhalt aber zu verschiedenen Zeiten eine verschiedene Ausdrucksform wählen könne und wählen müsse, um sich verständlich zu machen, dieser Gedanke, sage ich, brachte eine Reformation auch innerhalb des Judentums hervor, die noch heutigen Tages in lebendigen! Fortschritte begriffen ist. Die Schule, die Erziehung kann sich natürlich diesen gewaltigen Einflüssen nicht entziehen, und die religiöse Erziehung muß eine andere sein, als die vergangener Jahrhunderte, wenn Menschen herangebildet werden sollen die, um mich so auszudrücken, an der Zeit Teil zu nehmen im Stande sind, an einer Zeit, welche einen Jeden ohne Unterschied des Glaubens sein Menschenrecht verschaffen will, an einer Zeit die den Israeliten es laut verkündet: „Auch Du bist mein Sohn, ich habe Dich geboren." Und hier nun tritt uns das schwierige Problem entgegen über die Art der heutigen religiösen Erziehung, in Bezug auf das mehr Positive des Judentums. Sollen wir die Kinder lehren, daß es Sünde sei gegen Gott, Ceremonieen überhaupt zu übergehen? Nein: das sollen, das dürfen wir nicht, weil diese Lehre der Wahrheit geradezu widerspricht, und weil die Jugend, die dadurch Ceremonien- und Tugend-Ausübung für gleichwertig! und gleichbedeutend hält, schon an ihrer nächsten Umgebung verschiedenfach Anstoß! fände. Sollen wir sie lehren, daß alle Ceremonieen ihre Bedeutung verloren, daß j

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