Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1900)
- Date
- 1900-09-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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195 Mittelalters, in denen das Höchste neben dem Niedrigsten im unendlichen Contraste sich zeigt, unglaubliche Begeisterung für Gegenstände der Religion, neben unglaublicher Intoleranz, erstaunenswertes Märtyrertum und unmenschliches Verfolgen, brennende Liebe zu einem vermeintlichen Gotte und brennenden Haß gegen Mitmenschen. Was Wunder, wenn in jenen düsteren Zeiten, auf welche das Auge mit unheimlicher Bewunderung zurückschaut, wenn in jenen Zeiten, wo man den Kindern nichts Bleibenderes, nichts Gewisseres geben kann als die angestammte Religion, die Stunden, die von keiner Verfolgung ausgefüllt waren, zur gründlichen Erlernung und zum gottgefälligen Studium des schriftlichen und mündlichen Gesetzes von der Jugend angewandt wurden. Es war eine zeitgemäße Erziehung, und es war eine Erziehung deren Wirkung auch bis zum letzten Atemzug nicht vernichtet werden konnte. Natürlich gab es da keine Frage über das Wie? wo man in Sachen der Religion so einig mit sich war, wo sich der Geist nur innerhalb gewisser Schranken bewegen durfte, weil es Sünde gegen Gott gewesen wäre, jene Schranken zu überschreiten, und das vöm Vater auf den Sohn Ueberlieferte irgend in Frage zu stellen, das schon wegen des beseligenden Genusses, den es in dem unglücklich bewegten Leben gewährte, für göttlich gehalten wurde. Damals kannte man noch keine Trennung zwischen moralischen Wahrheiten und religiösen Ceremonieen, denn beides durchdrang sich, beides bedingte sich gegenseitig. Man hielt die einen wie die anderen für gleich göttlichen Ursprungs, für gleich notwendig zu einem gottgefälligen Leben, zu dem die Jugend herangebildet werden sollte, und was um so leichter auch geschehen konnte, als, wie bereits bemerkt, das religiöse Bewußtsein im Allgemeinen durch keine Zweifel getrübt war, als bei dem von Außen tobenden Sturmwinde, jene innere Seelenruhe obwaltete,- die einen Heroismus bekundet, von welchem unsere Zeit wenig Beispiele aufzuzeigen hat. Kenntnis der angestammten Religion also in ihrem ganzen Umfange, war das einzige Unterrichts-Bedürfnis, weil die Art das Leben zu fristen, die traurige Art des Erwerbs keine weiteren Kenntnisse forderte, als jene praktische oft moralisch verwerfliche Klugheit, die sich in drückenden Verhältnissen so leicht lernt, weil endlich die allgemeine Unwissenheit keine weiteren Ansprüche an geistige Ausbildung machte; und wenn Einzelne allerdings sich hinaufschwangen zu einer nicht unbedeutenden Höhe in verschiedenen Fächern des Wissens, so waren diese mehr Ausnahmen und beweisen als solche nichts gegen das im Allgemeinen Gesagte. — Von der Ausartung der äußeren Form des Unterrichts, von der maschinenmäßigen Methode, von dem Unwesen, das ein roher Lehrer in feuchten, ungesunden Lehrzimmern trieb, will ich schweigen, obgleich ein Blick auf Alles dieses unser Herz zur Begeisterung hinreißt für die Ideen des Fortschrittes. Uns kümmert hier nur der leitende Grundsatz der religiösen Erziehung, und dieser ist seitdem ein anderer geworden, denn die Verhältnisse sind andere geworden, die Menschen sind andere geworden, die Zeit ist eine andere gewordene Die Sonne einer neueren und, wir dürfen sagen, einer besseren Zeit, hat die Eisrinde mittel-