Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1900)
- Date
- 1900-09-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 194 muß nun einer höheren Macht folgend und an den Ideen der Zeit Teil nehmend sich stets vorwärts bewegen, ohne daß es sich eines künftigen Ruhepunktes deutlich bewußt wäre. Diese Bewegung, diese Ruhelosigkeit aber ist es, welche für die Erziehung und insbesondere für die moralisch religiöse Erziehung der israelitischen Jugend, so schwer das richtige Prinzip finden läßt, dieses unaufhaltsame Fortschreiten ist es, welches es ungemein erschwert in den jungen Herzen ein religiösmoralisches Bewußtsein zu wecken und auszubilden, das über alle Zeitbewegung erhaben, für die ganze Lebenszeit der zu erziehenden Jugend gültig und in Kraft bleiben soll. Ja, es ist ein heiliges und hochwichtiges Geschäft die Erziehung der Jugend, sie ist eine Gewissenssache von der höchsten Bedeutung, wenn man den ganzen Umfang ihrer nachhaltigen Wirkung bedenkt, wenn man bedenkt, daß gar oft das Schicksal des Menschen, nach seiner guten oder schlechten Erziehung, gut oder schlecht sich gestaltet, wenn man bedenkt wie unauslöschlich die Eindrücke der Jugend, wie empfänglich das noch zarte Gemüt, das noch keinen Kampf mit der Außenwelt zu bestehen hat, für Belehrung und Ermahnung ist, die von der Tiefe des Herzens, tiefgefühlt zum Herzen des lauschenden Kindes spricht. So heißt es auch in jener Sammlung von Lebenswahrheiten, in den Sprüchen Salomons : „Übe den Knaben' gemäß seinem Wandel, auch wenn er alt wird, weicht er nicht davon." — An die Spitze unserer Betrachtung über diesen hochwichtigen Gegenstand stellen wir die Worte der heiligen Schrift, in welcher die religiöse Belehrung nachdrücklich empfohlen wird, die bekannten Worte: „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einiges ewiges Wesen. Und Du sollst lieben den Ewigen, Deinen Gott, mit Deinem ganzen Herzen, und mit Deiner ganzen Seele und mit Deinem ganzest Vermögen. Und es sollen diese , Worte, die ich Dir heute gebiete, in Deinem Herzen sein, und Du sollst sie einschärfen Deinen Kindern und davon reden, wenn Du sitzest in Deinem Hause, und wenn Du gehst, und wenn Du Dich hinlegst, und wenn Du aufstehst." Und nun wollen wir versuchen, ob wir vielleicht eine Spur des rechten Weges finden, auf welchem die Jugend, die dazu bestimmt ist die Erwachsenen zu ersetzen und dann thatkräftig ins Leben einzugreifen, dem Tempel der Tugend entgegengeführt werden kann, in welchem sie dereinst Schutz finden mag, wenn von Außen dumpf rollet das Ungewitter eines ahnungsvollen Geschickes. Dieser Gedanke ruft uns unwillkürlich die religiöse Erziehung ins Gedächtnis, wie sie in vergangenen Jahrhunderten in Israel den Kindern zu Teil ward, die in einer schwer drückenden Atmosphäre heranreifen mußten. Druck, menschenschändender Haß und fanatische Verfolgung von Seiten derjenigen in deren Mitte unsere Ahnen ein erbärmliches Leben dahinschleppten, die von beiden Seiten durch eine falsch verstandene Religiösität unmöglich gemachte Annäherung war es, was es dem Juden zur gebieterischen Notwendigkeit machte, zum Altar des Glaubens die Zuflucht zu nehmen, und diese mit einer übermenschlichen Gewalt zu umklammern, die nur dem Tode, dem martervollsten Tode weihen mochte. Es waren jene Zeiten des