Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1900)
- Date
- 1900-08-01
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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175 begleite, und sie von Fehltritten abhalte; da sollen sie nicht erst anfangen, ihren Glauben und ihre Pflichten zu prüfen, sondern die ihnen erteilten Vorschriften ins Werk zu setzen und die ihnen beigebrachten Meinungen und Ansichten mit der Fackel der nunmehr thätigen Vernunft zu begründen und zu bestätigen. Auch zum Prüfen kommt eine Zeit, es ist die, wo das jugendliche Blut von seiner ersten Gährung auszuruhen beginnt und der Geist, unbeherrscht von Neigungen und Lüsten ruhig und besonnen der Wahrheit nachspürt. Eine solche Prüfung kann nur zum Vortheile der Religion ausfallen; in den ersten Jünglingsjahren hingegen ist sie nichts anderes als eine stolze Selbsttäuschung; in diesen Jahren muß das Ansehen der Eltern, Lehrer und Erzieher das ersetzen, was an fester innerer Überzeugung noch fehlen mag; dieses Ansehen kann aber nur der erwerben, dem es um das, was er lehrt, ernstlich zu thun ist, und kann Euch nie zu Teil werden, wenn Ihr es nicht waget, Worte und Anordnungen in Einklang mit Euren Gesinnungen zu bringen. Noch eine dritte Verhaltungsregel soll hier erwähnt werden, weil sie die wichtigste ist. Wollet Ihr, daß durch Euer religiöses Leben der Name Gottes geheiligt werde und daß Eure Kinder, durch Euer Beispiel geleitet, zu frommen gottesfürchtigen Jünglingen heranwachsen, so hütet Euch ja, daß Ihr nicht die Religion zu einem Werkzeuge herabwürdigt, um dadurch irdische Zwecke zu erreichen. Machet sie nicht nach einem Ausdrucke in den Sprüchen der Väter, zu einer Krone, um damit euer Haupt zu schmücken, noch zu einem Beile, um damit zu hacken. Gleich einer zarten Blume welket die Religion und verdorret, so bald sie der giftige Thau des Eigennutzes berührt. Nur durch die empörende Frevelthat solcher Menschen, welche sich die Religion als eine ausschließliche Pfründe aneigneten, um mit ihrer Hülfe, Macht, Reichtümer und Ehrenstellen zu erlangen und durch die, welche sie als eine Maske trugen, um dadurch sittliche Verworfenheit zu verbergen, läßt es sich erklären, daß sie, welche allen Menschen veredelt und bessert, das Glück erhebt und das Unglück mildert, zu allen Zeiten Gegner gehabt hat. Es ist überflüssig Kennzeichen aufzuzählen, durch welche man den aufrichtig Frommen, der keinen anderen Beifall sucht als den seines himmlischen Vaters, und seines eigenen Bewußtseins von dem falschen Frommen unterscheidet, der mit einem Auge gegen den Himmel und mit dem andern gegen die Menschen hinschielet und ganz angelegentlich so lebt, daß seine Frömmigkeit bemerkt werde. Ein einziges Kennzeichen kann hier für hundert dienen.' Uneigennützige und ungeheuchelte Frömmigkeit besitzt die unerklärbare Zauberkraft, daß sie den Menschen und die Religion selbst beliebt macht. Es wird uns daher nie gelingen, das religiöse Gefühl unserer Kinder zu erwecken, wenn wir selbst nur zum Scheine die Religion ausüben. Es muß sich vielmehr an unserm Benehmen zeigen, daß sie selbst uns für das höchste Gut gilt, für ein Gut, das uns die Entbehrung aller übrigen erträglich