Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1900)
- Date
- 1900-08-01
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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174 Gebärden und Handlungen entweihe. Die Menschen mögen schon oft aus Unverstand der Religion Dinge eingepfropft haben, die ihre einfache Schönheit dem Auge entrückten; bei den Israeliten mag dies besonders in drangvollen Zeiten geschehen sein, da die Tröstungen der Religion zugleich ihr einziges ewiges und zeitliches Gut waren und sie ihren Erfindungsgeist anstrengen mußten, um ihre Berührungspunkte mit derselben zu vermehren. In unfern Tagen, wo man in einem ganz entgegengesetzten Sinne strebet und selbst die genießbarsten Pflanzen aus dem Felde der Religion nicht verschont, werde beachtet, daß Alles, was unsere unglücklichen Vorfahren aus frommem Sinne eingeführt haben, auf unsere Ehrfurcht in einem gewissen Grade Anspruch hat; wir können mit vollem Recht, was wir als Menschensatzung nach reiflicher Prüfung erkannt haben beseitigen, aber bespötteln dürfen wir es nie, ohne die Religion zu entweihen, denn es ist schon dadurch geheiligt, daß es lange Zeit als ein Ausdruck des andächtigen Sinnes galt, weshalb auch die Talmudisten sagen: was zu irgend einer Zeit als Religion geübt wurde, ist dadurch ehrwürdig wie die Religion selbst. Dies ist so wahr, daß es uns zu einer zweiten Verhaltungsregel gegen diejenigen führt, auf welche unser Beispiel eine große Wirkung haben kann, und vorzüglich gegen unsere Kinder. Sie besteht darin, daß man ihnen nicht als Pflicht empfehle, was man nach seiner eignen Überzeugung nicht dafür erkennt. Es hüte sich jeder vor dem Unglück, daß seine Kinder je zur Vermutung kommen, man sei nicht aufrichtig mit ihnen zu Werk gegangen und habe ihnen Dinge zumutet, über die man sich selbst hinaus setzt. Was Ihr wollet, daß Eure Kinder thun, müsset Ihr selbst ausüben, und müsset dabei Sorge tragen, daß Eure Kinder auch in reiferen Jahren darnach leben; habet Ihr aber den Mut nicht, dies zu wünschen, und sehet Ihr mit Gewißheit voraus, daß Eure Lehren einer Sichtung unterworfen werden, so zittert für ihren religiösen Sinn und schmeichelt sich nicht, daß die Grenzen, welche Ihr unangetastet wünschet nicht wie das Übrige umgerissen werden. Sicheres Urteil über Religion ist nicht die Sache der Heranwachsenden Jugend, weise Mäßigung im Gebrauche der Vernunft ist ihr eine ebenso schwere Kunst als der Gebrauch ihrer übrigen Kräfte. Darum sorget dafür, daß sie nicht so bald in Versuchung komme, was Ihr sie gelehrt habet zu sichten, was Ihr derselben mitteilet, fließe aus einer Quelle innerer Überzeugung, belehret sie mehr durch Euer Beispiel als durch Worte, und gebrauchet Ihr Worte, so geschehe es auf eine eindringliche Weise und in Übereinstimmung mit Eurer eigentümlichen Denkungsart. Man traut kaum seinen eignen Ohren, wenn man sie und da Eltern sagen hört: Wenn meine Kinder herangewachsen sein werden, so mögen sie thun, was ihnen beliebt. Gerade wenn die Kinder herangewachsen, fangen ihre Handlungen an eine größere moralische Bedeutung zu bekommen; gerade in dem Alter, wo die bösen Triebe beginnen das Ruder zu ergreifen, da thut es Not, daß die Religion sie bei allen ihren Schritten