Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1900)
- Date
- 1900-08-01
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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172 vielleicht keinen einzigen Menschen, dessen ganze Lebensweise ein Erzeugnis seiner eignen oder auch auf dem Weg der Belehrung ihm beigebrachten Ansichten sei von dem was recht oder nicht recht ist, wenn auch viele Menschen so zu leben glauben. Mehr oder weniger spiegelt sich immer in unsrer Handlungsweise die Derjenigen ab, mit denen wir lange Zeit gelebt haben, besonders wenn diese in irgend einer Beziehung über uns stehn. Es ist nicht ein blinder Nachahmungstrieb, welcher die Menschen bewegt, sich das Benehmen, die Sitten und die Gewohnheiten anderer anzueignen, es ist bald der Eigennutz, der hoffen läßt die Gunst eines Reichern und Mächtigern zu gewinnen, indem man sich ihn zum Vorbild wählt, bald fassen wir das Vorurteil zu glauben, alles was der oder jener, dem wir unsere Achtung nicht ganz versagen können thue, müsse schon deswegen recht und löblich sein, bald ist es auch die Eitelkeit, welche uns antreibt, denen welche über uns hervorragen, wenigstens in etwas ähnlich zu sein. Je höher der Standpunkt ist, auf welchem sich jemand befindet, desto gefährlicher ist die Wirkung, welche er durch seine Fehler auf andere ausübt und desto leichter ist es ihm durch sein Beispiel Gutes zu stiften. So wie der geringe Mensch wegen seiner Schwäche Nachsicht verdienen kann, so ist der vornehmere, besonders der wegen seiner höheren Einsichten oder wegen seiner Tugend und Frömmigkeit geachtete Mann doppelt strafbar, wenn er sich schwach zeigt. Als Aaron bei der Einweihung des Tempelzeltes das Unglück erlebte, an einem einzigen Tage seine zwei ältesten Söhne zu verlieren, und seinen Schmerzen äußern wollte, ließ ihm Gott durch Moses sagen: Durch die, welche mir zunächst stehn, will ich vorzüglich geheiligt werden, und Aaron heiligte auch Gott, denn er legte den priesterlichen Schmuck nicht ab und blieb in dem Tempel, und das versammelte Volk war von tiefer Ehrfurcht vor dem erhabenen Wesen ergriffen, dessen Verehrung dem Menschen eine so erstaunliche Kraft verleiht. Als hingegen Saul sich schwach zeigte und gegen den' göttlichen Befehl den ungestümen Forderungen des Volkes nachgab, sagte der Prophet strafend zu ihm: Wenn Du Dich auch für geringe hältst, solltest Du nicht vergessen, daß Dich Gott zum Oberhaupte über die Stämme Israels gesetzt hat. Wir sehen aus diesem allen, welche schwere Verantwortlichkeit wir alle für unsere Handlungen auf uns haben, wenn wir durch dieselben Ärgernis geben, und daß wir alle in den Fall kommen können, durch unser Benehmen den Namen Gottes zu heiligen oder zu entweihen. Wir sind freilich nicht alle vornehm, und stehn nicht alle auf einem solchen Standpunkt, daß die Menschen ihre Blicke auf uns richten, um ihre Lebensweise nach der unsrigen einzurichten; aber dennoch haben wir alle einen gewissen Kreis, wo wir die ersten sind und wo das Benehmen der andern in einem gewissen Grade durch das unsrige bestimmt wird. Wir haben Kinder oder Freunde oder Untergebene, bei welchem unser Beispiel von großem Gewichte ist und die oft und nur zu sehr