Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1900)
- Date
- 1900-07-01
- Page
- Seite 167 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969879-2969887--6059-2975384- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
167 Seelenzeichner, der die gemeinsame Natur alles Menschlichen jedem einzelnen Jndividium und in den Geschicken von Völkern immer so groß und wahr wie "ein Maler hingeworfen hat, von kleinlichem Judenhasse getrieben gewesen sein, in dem einzigen Juden, den er schildert, die ärgste Verworfenheit zu verkörpern? Es wäre in der That lächerlich, wollte man Shakespeare auch nur in irgend eine Beziehung zu jenem Antisemitismus bringen, der mehr auf dem Glaubenwollen, als dem Glauben beruht. Aber es ist noch viel unrichtiger die Figur des Juden selbst zu einer Märtyrerfigur zu stempeln! Wenn nicht die Schauspielkunst der richtigeren Auffassung des Publikums über die Judenfrage zuliebe in dem hassenden Juden immer mehr den leidenden, verfolgten hervorgekehrt hätte, wäre es eigentlich nicht recht begreiflich, wie z. B. jene Dame, von welcher Heine in seiner Abhandlung: „Shakespeares Mädchen und Frauen" erzählte, um das Schicksal des Shylock Thränen vergoß, oder wenn die Begebenheit erdichtet ist, wie Heine zu einer solchen Fiction kommen konnte. Die hochmütige Verachtung einem so niedrigen Charakter gegenüber, als welcher Shylock geschildert wird, läßt sich noch immer eher begreifen und selbst entschuldigen — und Shylock erscheint ja offenbar schon vom Anfang an mit seinem grimmigen Christenhasse, der ihn doch nicht hindert, mit dem Christen Geschäfte zu machen, höchst verächtlich — als die unmenschliche, den: Wesen selbst des gemeinsten Juden ganz und gar widersprechende Rachsucht. Wieso Shylock übrigens gleich anfangs auf die teuflische Idee kommt, die Verpfändung des eigenen Leibes von Antonio zu verlange», ist psychologisch schwer zu begreifen und selbst wenn Antonio ihn verfolgt und angespien hat — auch der tiefe Druck, der auf den Gemütern der bedrängten Juden lastete, ließ fast niemals solche grausame Rachgier in ihnen aufkommen. Ein Licht auf die Entstehung des Motivs von dem Anspruch auf das Fleisch des Schuldners bei Shakespeare wirft allerdings die Erzählung einer eigenartigen Begebenheit, bei einem Biographen des Papstes Sixtus V. Im Jahre 1587, also ungefähr zehn Jahre vor dem als wahrscheinlich angenommenen Schöpfungsjahre des „Kaufmanns von Venedig" erfährt ein angesehener Kaufmann und frommer Christ, daß Franz Drake San Domingo erobert habe; er teilt diese Neuigkeit einem jüdischen Handelsmann mit, dem sie als unglaublich erschien. Er bestritt hartnäckig das Gerücht und äußerte endlich: „Ich verwette ein Pfund meines Fleisches, daß die Nachricht unwahr ist." Der Christ setzte dagegen 1000 Scudi, und ließ in wunderlichem Humor sofort einen Vertrag aufsetzen und unterschreiben: „der christliche Kaufmann, Herr... soll berechtigt sein mit eigener Hand und wohlgeschärftem Messer dem Juden ein Pfund Fleisch, von welchem Teil seine- Leibes ihm belieben würde, heraus zu schneiden." Als nun kein Zweifel mehr an Drakes Sieg bestand, verlangte der Kaufmann die Erfüllung des Vertrages und hatte bereits einen Teil des Körpers des Juden ausgewählt. Dieser lief in seiner Angst zum Gouverneur, der endlich den schwierigen Rechtsfall dem Papste unterbreitete. Dieser