Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 20 (1900)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1900)
- Date
- 1900-07-01
- Page
- Seite 166 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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166 zu seiner unvergleichlichen „Ethik des Judentums" — deren Studium ich, nebenbei bemerkt, den „Burggräflern" wärmstens empfehle — daß dieses' keiner Apologie bedürfe, sondern die rein objektive Darstellung für sich selbst sprechen und wirken muß. Ebenso verhält es sich mit der Geschichte. Des Judentums wirkungsvollste Apologie ist seine Geschichten. Ob und wieweit dies auch bei den „Burggräflern" und ihren Hinter- und Dunkelmännern zntrifft, verschweigt des Säugers Höflichkeit Shakespeares „Shylock. H Seit Lessing in „Nathan dem Weisen" die vollständige religiöse Toleranz zu einem poetischer Gestaltung würdigen Thema gemacht und die Judenfrage im humansten Sinne in die Literatur eingeführt hat, wollte man gewiß gerne überall, wo nur irgend in der Literatur von Juden die Rede war, eine geheime Beziehung zu Lessing'schen Toleranzideen erblicken, wenn auch die betreffenden Stellen Stücken augehörten, die aus anderen Zeiten und Geistesströmungen, selbst anderen Völkern hervörgegangen sind, und nicht einmal sehr human klangen. Nur so ist es zu erklären, wenn man in Shakespeares Shylock einen Typus des leidenden Juden erblicken und im „Kaufmann von Venedig" den Aufschrei des geknechteten Volkes vernehmen wollte. So faßte Jmmermann das Stück als eine Geißelung der in der vorliehmsten Gesellschaft geduldeten Rohheit des Judenhasses auf, und sagte sogar: „Shylock verlangt einen Funken alttestamentarischer Hoheit in der Darstellung, er braucht wie der weise Nathan etwas Judenwitz, da beide, wenn auch in ungleicher Art, Rächer einer niedergehaltenen Nation an dem Übermute bevorrechteter Kasten sind." Und gar Heine rechnet das Stück zu den Tragödien, „obgleich der Dichter eigentlich ein Lustspiel geben wollte. Aber der Genius des Dichters, der Weltgeist, der in ihm waltet, steht immer höher als sein Privatwille, und so geschah es, daß er in Shylock, trotz der grellen Fratzenhaftigkeit die Justification einer unglücklichen Sekte aussprach, welche von der Vorsehung aus geheimnisvollen Gründen mit dem Haß des niederen und vornehmen Pöbels belastet worden und diesen Haß nicht immer mit Liebe vergelten wollte." Mit dem letzteren scheint Heine in der That das Richtige getroffen zu baben, zumal einige Stetten wirklich den Judenschmerz in seiner schrecklichen Traurigkeit ausdrücken: „Und dulden ist das Erbteil unseres Stammes." „Bin ich kein Mensch, weil ich ein Jude bin?" Das klingt wie aus einer dunklen Höhle voll Nacht und Schauern empor. Dem Dichter hat da sicherlich momentan das furchtbare Schicksal des ganzen jüdischen Volkes vor Augen geschwebt. ' Wie konnte man denn glauben, daß der größte Seelenkenner und vbjectivste